Dies geschah in einem kleinen Mietauto eines jungen Ärztepaares, das die vergangenen Tage Urlaub in den heiligen Hallen gemacht hatte und nun mit uns im Gepäck Richtung Cairns weiterreiste. Da die beiden auf Urlaubstour waren, wurde die Fahrt zu einer umfangreichen Tagestour ausgeweitet und die kleine Klapperkiste, die wir mit unserem gesammelten Gewicht bedrückten, tuckerte tapfer bergauf bergab durch die Tablelands, einem schönen, abwechslungsreichen, aber zum Leidwesen des armen Autos, sehr hügeligen Landstrich zwischen Regenwald und Outback. Es war so befreiend, endlich mal wieder ein wenig Weitblick genießen zu können und das in jedem Sinne. Die Sicht weitete sich auf einige Kilometer, wir sahen wieder grüne Berge, grüne Bananen- und Zuckerrohrfelder, grüne Wiesen, in der Ferne grüne Seen mit Wasserfällen und Kühe (die waren allerdings nicht grün) und wer daran zweifelt, daß das nicht unheimlich spannend ist, der soll erstmal zwei Wochen lang im mitten Regenwald seine täglichen 5 Arbeitsstunden mit Wegefegen und Spülen verbringen! Auch von dieser Engstirnigkeit befreit plapperten wir munter drauf los, während das Auto für den nächsten Berg Schwung holte und hielten gebannt den Atem an, wenn es sich der nächsten Kuppe näherte, aber es bemeisterte alle Herausforderungen glänzend.
Der erste Stopp des Tages war eine Krokodilfarm. Es gab dort einiges zu sehen: Cassovaries (bitte bei Wikipedia selbst erkunden, die Beschreibung dieser seltenen, imposanten Vogelart würde hier zu weit führen), Dingos (Wikipedia weiß im Notfall sicher auch hier zu helfen), Kängurus (ganz bedürftigen Geistern weiß Wikipedia sicher auch hier, auf die Sprünge zu helfen) und natürlich Krokodile aller Art und Größe. Kleine zum Anfassen und Kuscheln, größere, die frisch gefüttert nur träge im Halbschatten lungerten, und ein paar sehr hungrige, sehr große, sehr, sehr beängstigende Musterexemplare. Dieses im gesamten Land verbreitete Urtier gehört zu den Ältesten in der welt existenten Tierarten. Es steht ganz oben an der Nahrungskette und hat im Grunde keine natürlichen Feinde. Einer der vielen, beunruhigenden Zeitungsausschnitte, die dort zur Ansicht und Erheiterung auslagen, zeigte den eindeutigen Sieger im Kampf ums Überleben zwischen einem Hai und einem Salzwasserkrokodil. Der arme, kleine Hai sah eher aus, wie die Vorspeise... andererseits kann ich den Appetit des Krokodils auch sehr gut nachvollziehen. So ein Hai muß schon lecker sein.
Weiter gings, bergauf, bergab zu einer riesigen Milchfarm mitten im sonstigen Nichts. Dort nahmen wir unser zweites Frühstück ein und probierten die vielen, leckeren Joghurtsorten aus, während wir uns morgens um 10 Uhr auf der Terasse die Nasenspitzen in der Sonne verbrannten. Soviel wärmende Zuneigung waren sie nach den endlos erscheinenden Regentagen gar nicht mehr gewohnt. Zurück im Auto, drifteten die Gespräche nicht selten in sicherlich schwere medizinische Fragen ab und Franziska packte noch eine ganz ungeahnte Kiste Vokabeln aus und warf damit souverän und gekonnt um sich, daß einer der anwesenden Personen nach einiger Zeit nichts anderes übrig blieb, als sich resigniert zurück zu lehnen und die vorüberziehende Landschaft zu genießen. Aber ich glaube sie kam alles in allem ganz gut damit klar. Ein weiterer Halt war ein berühmter Feigenbaum. Sogar der Lonly Planet erwähnt ihn als überaus sehenswert, wie ich später stolz nachlesen konnte. Er hieß „curtain figtree“, weil er es sich als kleiner Samen auf einem anderen Baum gemütlich gemacht hatte und von dort aus seine Wurzeln suchend gen Erde ausbreitete, so daß das Ganze am Ende aussah wie eine riesige natürliche Gardine. Wer weiß wie viele älteren Kängurudamen sich dahinter genüsslich auf ihr Ellbogenkissen stützten, um dem bunten Treiben der zahlreichen Touristen ungestört zuzusehen.
Die Suche nach Schnabeltieren, die in den hiesigen Seen zu Hause sein sollen, blieb leider erfolglos und so kamen wir Cairns immer näher, während sich der Tag in einen farbenfrohen Sonnenuntergang neigte. Beim diesmaligen Anblick der Stadt waren wir schon um einiges freundlicher gestimmt und sie erschien uns fast schön.
Als wir am Abend in unser Zimmer zogen, fanden wir drei der vier weiteren Betten mit altbekannten Gesichtern von der Alice Springs Tour belegt. Ein gemeinsamer Partyabend scheiterte aber, zu Franziskas Glück und meinem Bedauern an mangelnder Organisation.
Den darauf folgenden Tag verbrachten wir vorwiegend damit die einzige Hauptstraße der Stadt etwa zehnmal auf und ab zu wandern, um alle nötigen Details und Formulare für die Beantragung unseres Mongoleivisums zusammen und ins Reisebüro zu tragen (aber, ein kleiner Abstecher in die Gegenwart: Die Pässe sind gestern erfolgreich wieder in Cairns angekommen!)
Dann war der Tag auch schon wieder vorbei und es wurde Zeit für uns weiter zu ziehen. Wir wollten noch weiter die Küste hinauf und endlich einen Tagestrip ans Barrier Reef machen. Man kann ja schließlich nicht immer arbeiten, wenn man im Urlaub ist. Wir hatten ein Hostel in Port Douglas gebucht und waren uns sicher, daß wir schon irgendwie da rauf kommen am nächsten Morgen.
Der Morgen kam und wir waren weiterhin sehr zuversichtlich. Ließen uns die Telefonnummer des Busunternehmens geben, das auf der Strecke fährt ( Busse müssen hier in der Regel vorbestellt werden, wie bei uns die Zugtickets, nur daß es keine Automaten an den Haltestellen gibt, also ein etwas schwierigeres Unterfangen), und nahmen uns ein großes Stück Pappe mit, das uns hoffentlich bei unserem eigentlichen Plan, dem Trampen helfen sollte, die Richtung unseres Wunschziels anzugeben. So zogen wir hoffnungsvollen Sinnes los. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und die Rucksäcke drückten schwer auf unseren Schultern. So genau wußten wir eigenltich auch gar nicht, wo wir uns am Besten hinstellen sollten, so mitten in der Stadt. Aber bei der überschaubaren Größe schien uns das ein überwindbares Problem zu sein und so schleppten wir uns tapfer voran die Straßen entlang, vorbei an einem Auotvermietungsbüro und weiter. Aber nur ein paar Schritte, dann kam die Nachricht in unseren müde hängenden Köpfengleichzeitig an. Wir standen an der roten Ampel und warteten. Sie wurde grün und wir warteten immer noch.
Eine Minute später traten wir in das angenehm klimatisierte Kühl des Büros und wurden von einer freundlichen Stimme willkommen geheißen. Etwa zwei Stunden später traten wir aus demselben Kühl wieder hinaus in die angenehm wärmende Sonne. Den Schlüssel zu einem kleinen, grünen Camper in der Hand und einem breiten Grinsen auf dem Gesicht in dem von Müdigkeit nichts mehr zu erahnen war.
Gemütlich und völlig entspannt brausten wir in der frühen Nachmittagssonne die Küstenstraße entlang nach Port Douglas. Das gebuchte Hostel ermöglichte es uns nochmal so richtig ausgiebig zu duschen, unseren Schnorchelausflug zu buchen und sämtliche Akkus aufzuladen. Am nächsten Morgen nachdem die Sonne wieder einmal ihre Runde begann, fuhren wir weiter, immer Richtung Norden, nach Cooktown. Da die Küstenstraße auf halber Strecke in eine Schotterpiste überzugehen ankündigte, die man nur mit Allradantrieb befahren durfte, den unser kleiner Supercamper leider nicht hatte, entschieden wir uns willig für die Inlandstraße. Nach weniger, als 20 Minuten hatten wir den Regenwald und mit ihm jedliche Spur von Küstenlandschaft weit hinter uns gelassen und befanden uns im glühendheißen Outback. Die Straßen gerade und leer, die Bäume dünn und spärlich, das Gras blass und ausgetrocknet, alles von einem rötlichen Schimmer durchzogen. Ich war zurück in der Ruhe und Gelassenheit des trockenen, echten Australiens. Wir fuhren stundenlang, ohne das die Landschaft Anstalten machte, sich zu verändern. Das war mein Tempo!
Die kurzen Pausen an den wunderschönen Aussichtspunkten unter der brennenden Mittagshitze machten allerdings deutlich, daß diese Schönheit am besten durch die Scheibe eines klimatisierten Autos zu genießen ist.
Am Nachmittag kamen wir in dem kleinen 10.000 Seelenörtchen an und wunderten uns, daß wir nicht von der erwarteten Party zu Ehren des Geburtstages der englischen Queen empfangen wurden, sondern nur von ein paar verloren umherstreunenden Touristen, die sich wie wir, irgendwie zur falschen Zeit am falschen Ort eingefunden zu haben schienen. Der große Tag war eigentlich schon vorrüber. Die überall groß angekündigten Festlichkeiten waren zum größten Teil bereits am Vormittag gelaufen und überall herrschte Aufbruchstimmung. Wir schritten dennoch unbeirrt alle wesentlichen Sehenswürdigkeiten ab, was bei einer überschaubaren Menge von weniger als zehn im Rahmen des einzig möglichen Stadtrundgangs nicht weiter schwierig war und machten uns dann gerade rechtzeitig zu einem spektakulären Sonnenuntergang auf den Weg zu der letzten Sehenswürdigkeit, einem kleinen, rostigen Leuchtturm auf dem einzigen Hügel des Ortes.
Danach kamen wir unaufhaltsam der Frage näher, wo wir eigentlich die Nacht über parken sollten, denn an einigen Orten in der Stadt hatten wir Verbotsschilder gesehen, wußten aber oft nicht wie weitreichend diese gültig waren.
Schlußendlich entshieden wir uns für dne Parkplatz des botanischen Gartens, ein wenig außerhalb des Zentrums. Wie legal das alles war, wußten wir einfach überhaupt nicht, aber solange uns keiner sah, brauchten wir das ja auch nicht unbedingt herauszufinden. Die Betten waren erstaunlich gemütlich, besser jedenfalls, als die in den meisten Hostels und am nächsten Morgen dichteten wir sogar übermütig ein Lied über das Campen im botanischen Garten.
Bester Laune fuhren wir den ganzen Weg wieder zurück, um am Abend in der Nähe von Port Douglas einen ähnlich unauffälligen, gemütlichen Parkplatz zu finden. Doch diesmal hatten wir nicht allzu viel Glück und uns blieb schließlich nichts anderes übrig, als unser Abendessen mitten auf dem städtischen Parkplatz am Hafen zu kochen. Beunruhigt schweiften unsere Blicke immer wieder zu jedem vorbeifahrenden Auto, denn auch wenn wir wiederum kein Schild gefunden hatten, was uns das Campen hier verbot, ahnten wir doch, daß dies zu schön wäre, um erlaubt zu sein. Die öffentlichen Toiletten direkt nebenan, ein paar Picknickbänke auf einer sanftgrünen Wiese, hm...
so wirklich ruhig wurden wir nicht mehr und beschlossen deshalb erstmal unauffällig zu verschwinden. Ein kleiner Abendspaziergang durch die Stadt würde uns gut tun. Er war dann auch rundum lohnenswert. Der Ort war sehr hübsch, hatte erstaunlich viele gemütliche Cafes und Kneipen, an denen wir aber leider immer vorbeigingen und am Ende fanden wir sogar noch einen andern Parkplatz am Strand, auf dem schon vier weitere Camper standen. Hier würden wir sicher sein und besser schlafen können.
Und so war es dann auch.
Fröhlich und munter wachten wir bereits sehr früh am nächsten Morgen auf und lachten über den Traum von Franziska, daß jemand gekommen wäre, um uns zu sagen, daß wir hier nicht campen dürften, als es an der Fensterscheibe klopfte und jemand kam, um uns zu sagen, daß wir hier nicht campen dürften. Bürokratenaustralisch von einem Internetübersetzer ins Deutsche übersetzt, ist noch viel weniger zu verstehen, als wenn sich ein eigentlich netter Australier versucht persönlich bürokratisch auszudrücken. Ich mußte jedenfalls aufpassen nicht zu sehr zu lachen, als ich den Zettel las, den er uns als Vorwarnung in die Hand drückte, bevor er wieder verschwand. Wir waren erleichtert über den glimpflichen Ausgang unseres Abenteuers, aber die Campstimmung war dennoch gedrückt und wir beschlossen ziemlich bald, am nächsten Abend einen offiziellen Campingplatz ausfindig zu machen und die geplante Campertour Anfang Juli auf ein normales, kleines Auto und ungemütliche Hostelbetten zu beschränken.
Der Nachmittag versöhnte uns wieder mit der Welt, denn es ging hianus aufs Meer.
Endlich sollten wir das legendäre Barrier Reef sehen.
Die Fahrt war sehr schön. Über sanfte Wellen glitt unser Segelboot den nahen Inseln entgegen. Dort angekommen konnte ich es kaum erwarten in die Flossen zu steigen und abzutauchen. Mit der Unterwasserkamera meiner Schwester ausgestattet. Es war... sehr trübe. Leider herrschte gerade Ebbe und der Sand in der Strandnähe aufgewühlt. Dennoch gab es viel zu sehen. Wasserschildkröten, tausende Fische aller Farben und die seltsamsten Gestalten der Korallen. Bei diesen allerdings hat mir ein wenig die Farbenfreude gefehlt, was in mir vor allem den Wunsch erregte richtig Tauchen zu lernen, um auch das echte Reef weiter draußen in den Tiefen des Ozeans erkunden zu können. Wenn mir also irgendjemand noch ein sehr verspätetes Geburtstagsgeschenk machen möchte, darf er das gern tun. Ich geb meine Kontonummer gern weiter. Ich würde es auch als sehr verfrühtes Weihnachtsgeschenk durchaus nicht ablehnen, solang es nur bald geschieht, denn lang bin ich nicht mehr hier.
Erstaunlich, wie ruhig eine Nacht vergehen kann, wie entspannt man Essen kochen kann, wie gelassen man im Schlafanzug vom Camper auf die Toiletten spazieren kann, wenn man anständig dafür bezahlt hat. Fast ein wenig langweilig, aber doch nur fast.
Der letzte Tag galt dem Cape Tribulation, einem sehr idyllischem Küstengebiet im Norden Queenslands, mit weißen Stränden und leuchtend grünem Regenwald. Leider hatten wir dafür nur noch extrem wenig Zeit, da die neue Arbeitsstelle auf uns wartete. Eine Farm 100 km westlich von Cairns. Mitten im Outback. Und der Bus fuhr 3.25pm von Cairns. Etwas unwillig, die Zeit realistisch einzuschätzen, erreichten wir das Cape gegen 11 Uhr morgens und unterließen es trotz besseren Wissens nicht, ein wenig den Strand entlang zu spazieren, bevor wir uns auf den langen Rückweg zu dem angenehmen Kühl des Autovermietungsbüros machten.
Wir erreichten den Ort mit Müh und Not,
in Cairns der Bus, war fort.
Montag, 22. Juni 2009
Sanctuary Retreat- die heilige Langeweile
Die 10 Tage auf der Bananenfarm vergingen entspannt, gemütlich, erfüllt von leichter, abwechlungsreicher Arbeit an den Vormittagen und endlosen Lesenachmittagen in der Sonne. Die gemütliche und liebenswürdige Gelassenheit der Familie, die uns beherbergte war in höchstem Grade ansteckend und es dauerte nicht lange, bis wir uns in diesem Haus rundum wohlfühlten. Das mag jetzt auf den einen oder anderen eher unspektatulär klingen, aber die Einfachheit der Architektur setzt derlei nicht unbedingt voraus. Wände gab es nur zwischen den Schlafräumen, die Küche ging offen von Garten, Werkstatt und Garage ins Wohnzimmer über und zum Hinterausgang wieder raus. Das hatte aber natürlich den nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß man zum Beispiel mit dem Fahrrad durch die gesamte Wohnung fahren konnte. Auch die Frösche hatten auf diese Weise einen gute Gelegenheit ihre Runden zu drehen und sind uns in den ersten Tagen, als es noch feuchter war, im Küchengartengaragenwohnzimmer fleißig um die Füße gehüpft. Auf unsere Frage, ob sie giftig seien, bekamen wir nur eine gelangweilte Antwort, ja, aber nur, wenn man sie ärgert. Dann sprühen sie irgendwo von hinter den Ohren eine weiße Flüssigkeit raus und die sei giftig. Man solle sie also lieber nicht anfassen, aber sonst sind sie ganz harmlos und tun nix. Das hat uns dann doch ungemein beruhigt, vor allem später, als wir eines dieser niedlichen Exemplare in unserem Schlafzimmer wiederfanden.
Aber all das wurde unwesentlich, je mehr uns diese liebenswürdigen Menschen ans Herz wuchsen, mit ihrer rauen, scherzhaften und ehrlichen Freundlichkeit.
Alle sechs Kinder leben noch zu Hause, die älteren, bereits im Beruf fahren jeden Tag (jeder mit einer eigenen, alten Klapperkiste) lange Wege zu ihrer Arbeit, während die Jüngeren von zu Hause aus zur Schule „gehen“. Die Mutter kümmert sich anhand von Lehrbüchern und DVD's um die Ausbildung ihres Nachwuchses. Der wöchentliche Klavierunterricht findet übers Telefon statt. Auf Franziskas Frage, wie der Lehrer denn übers Telefon sehen könne, ob der Schüler richtig spielt, meinte ich, naja, der kann das hören, was mir ein bemitleidenswertes Nicken des Kindes einbrachte.
So ist es nicht weiter verwunderlich, daß uns der Abschied schwer fiel, denn nun waren unsere Erwartungen für den nächsten Ort hoch gesteckt. Mit gemischten Stimmungen zwischen Trauer über den Abschied, Spannung, Vorfreude und auch etwas Skepsis auf den nächsten Ortsaßen wirnach 10 Tagen wieder in Großvaters klapprigem, rostigen Volvo, der uns direkt zu unserer nächsten Heimat fuhr.
Aus dem Lonely Planet haben wir erfahren, was uns das Buch mit den Adressen und Beschreibungen der WWOOFing Plätze nicht verraten hatte: Uns erwartete ein gehobenes Hotel mitten im Regenwald mit kleinen Hütten zwischen die riesigen und vor allem zahlreichen Bäume gesät, manche mit festen Wänden und Meerblick zu etwa 60-80 €, andere mit grünen Stoffwänden, die nicht viel mehr als die unzähligen Insekten abzuhalten versuchten, um die 20 € pro Person und Nacht. Dazu ein Restaurant mit exklusiver Küche und einem etwa 20 minütigem Spaziergang durch den Wald vom Parkplatz aus zur Rezeption.
Genau diesen schleppten wir uns nun also mühselig hinauf. Die Sonne schien zwischen den Palmenblättern hindurch, der kleine Bach glitzerte, die Vögel zwitscherten munter und wir schwitzten uns den schmalen, schlammigen Pfad mit ca.18 kg Gepäck auf dem Rücken und Flipflops an den Füßen hinauf, während uns der Schweiß gemütlich und sichtlich entspannter als wir den Rücken hinunter lief.
Nach lockeren 30 Minuten standen wir schwer atmend vor Hazel, einer fröhlichen Engländerin, die irgendwann einmal genauso wie wir hier ankam und seither nicht mehr wirklich weggekommen ist. Sie hieß uns im Sanctuary Retreat- dem Ort des heiligen Rückzuges willkommen. Im Hintergrund lief sanfte Enspannungsmusik, über die Terasse hin konnte man in der Ferne das Meer sehen, alles gab sich aufrichtige Mühe lässig, enspannt und ein wenig esoterisch zu wirken und das nicht ohne Erfolg. Ich war ehrlich beeindruckt.
Wir bekamen eine der günstigeren Hütten als Bleibe für die Zeit unseres Besuches. Dummerweise war diese etwa hundert Meter von den Toiletten entfernt. Nun sagt Ihr wahrscheinlich, also bitte, das ist ja wohl gar nichts. Na ja, die Steigung des Weges lag bei etwa 60° und ich habe es mir immer zweimal überlegt, bis ich mich auf den Weg machte und ihn deshalb des Öfteren rennen mußte. Das jedoch hätte ich mir besser noch früher überlegen sollen, denn im Grunde ist das gar nicht möglich.
Die Arbeit war unterschiedlich. Die Hauptaktivitäten woben sich jedoch bald als wiederkehrendes Muster heraus und hielten uns mit ihrer Komplexität schwer beschäftigt. Das erste war das Wegefegen. Bei Regen, Sonne, Wind und Regen (Schnee kennen die hier nicht), bei jedem Wetter fand ich mich mit einem Besen in den Händen wieder und fegte. Fegte in meditativer Schwerstarbeit jeden Morgen den Boden des Restaurants, das eigentlich einen Wischmopp viel dringender gebraucht hätte, fegte Blätter von den Pfaden zwischen den Hütten zum Haupthaus, fegte sogar den Dreck von den grünen Hüttenwänden. Die Schwerstarbeit daran war, dem ganzen auch nur irgendeinen noch so geringen Sinn zuzuschreiben, was mich davor hätte schützen können, die gesamte Zeit und Energie damit zu verschwenden, kleine Flüche gegen den etwas kühlen Besitzer und Hausherren zu abzuschicken, dem ich diese wunderbare Meditationsarbeit zu verdanken hatte.
Das zweite war das spülen. Immerhin hatten wir es hier mit einer Restaurantküche zu tun. Und was kann man da besseres tun, als spülen? Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell sich das Geschirr selbst wieder beschmutzt und sich zu Türmen stapelt. Stundenlanger Fokus auf die Spülbürste. Da bleibt kein Raum, irgendwelche Flüche im Kopf zu formulieren. Ja überhaupt gerät das Formulieren in einen völlig neuen Grenzbereich. Vereinzelte, immer wiederkehrende Worte fegen vorbei: Teller, Glas, Schüssel, Teller, Messer, Topf, Achtung heiß! Spülbürste, aua, das ist ja heiß! Kratzschwamm, Kratzschwamm, wo ist... ach egal, Teller, Gabel, Schüssel, iiihh, wie soll ich denn das... schneller!Frisches Wasser, Glas...
Und des Nachts die Geräusche aus dem Dschungel. Warum nur, sind hier die meisten Vögel nachtaktiv. Die nächtlichen Konzerte, untermalt von dem gleichmäßigen Bordun der Grillen, hielten mich oft bis in die Morgenstunden hinein wach.
So vergingen unsere Tage.
In den wenigen gemeinsamen freien Stunden, die wir nicht verschliefen, schlenderten wir träge bis zum Strand. Viel weiter kamen wir nicht. Sei es aus Gründen der sich rasch ausbreitenden Langeweile, die uns träge und müde nirgendwohin mehr zog, sei es die Nachricht, daß die Schlangen sich gerade in diesen Wochen noch einmal auf die Pirsch begeben, um sich für den baldigen Winterschlaf nochmal so richtig die Bäuche vollzuschlagen, sei es die traurige Feststellung, daß dieses noble Hotel, mühsam um eine angenehm, lockere, heimelige Atmosphäre bemüht, es nie schaffte wirkliche warme Herzlichkeit aufkommen zu lassen, oder sei es schlicht und einfach der ewig gleiche Wald mit dem ewig gleichen Regen.
Wir waren jedenfalls froh, als wir diesen heiligen Ort der Langeweile endlich wieder verlassen durften.
Aber all das wurde unwesentlich, je mehr uns diese liebenswürdigen Menschen ans Herz wuchsen, mit ihrer rauen, scherzhaften und ehrlichen Freundlichkeit.
Alle sechs Kinder leben noch zu Hause, die älteren, bereits im Beruf fahren jeden Tag (jeder mit einer eigenen, alten Klapperkiste) lange Wege zu ihrer Arbeit, während die Jüngeren von zu Hause aus zur Schule „gehen“. Die Mutter kümmert sich anhand von Lehrbüchern und DVD's um die Ausbildung ihres Nachwuchses. Der wöchentliche Klavierunterricht findet übers Telefon statt. Auf Franziskas Frage, wie der Lehrer denn übers Telefon sehen könne, ob der Schüler richtig spielt, meinte ich, naja, der kann das hören, was mir ein bemitleidenswertes Nicken des Kindes einbrachte.
So ist es nicht weiter verwunderlich, daß uns der Abschied schwer fiel, denn nun waren unsere Erwartungen für den nächsten Ort hoch gesteckt. Mit gemischten Stimmungen zwischen Trauer über den Abschied, Spannung, Vorfreude und auch etwas Skepsis auf den nächsten Ortsaßen wirnach 10 Tagen wieder in Großvaters klapprigem, rostigen Volvo, der uns direkt zu unserer nächsten Heimat fuhr.
Aus dem Lonely Planet haben wir erfahren, was uns das Buch mit den Adressen und Beschreibungen der WWOOFing Plätze nicht verraten hatte: Uns erwartete ein gehobenes Hotel mitten im Regenwald mit kleinen Hütten zwischen die riesigen und vor allem zahlreichen Bäume gesät, manche mit festen Wänden und Meerblick zu etwa 60-80 €, andere mit grünen Stoffwänden, die nicht viel mehr als die unzähligen Insekten abzuhalten versuchten, um die 20 € pro Person und Nacht. Dazu ein Restaurant mit exklusiver Küche und einem etwa 20 minütigem Spaziergang durch den Wald vom Parkplatz aus zur Rezeption.
Genau diesen schleppten wir uns nun also mühselig hinauf. Die Sonne schien zwischen den Palmenblättern hindurch, der kleine Bach glitzerte, die Vögel zwitscherten munter und wir schwitzten uns den schmalen, schlammigen Pfad mit ca.18 kg Gepäck auf dem Rücken und Flipflops an den Füßen hinauf, während uns der Schweiß gemütlich und sichtlich entspannter als wir den Rücken hinunter lief.
Nach lockeren 30 Minuten standen wir schwer atmend vor Hazel, einer fröhlichen Engländerin, die irgendwann einmal genauso wie wir hier ankam und seither nicht mehr wirklich weggekommen ist. Sie hieß uns im Sanctuary Retreat- dem Ort des heiligen Rückzuges willkommen. Im Hintergrund lief sanfte Enspannungsmusik, über die Terasse hin konnte man in der Ferne das Meer sehen, alles gab sich aufrichtige Mühe lässig, enspannt und ein wenig esoterisch zu wirken und das nicht ohne Erfolg. Ich war ehrlich beeindruckt.
Wir bekamen eine der günstigeren Hütten als Bleibe für die Zeit unseres Besuches. Dummerweise war diese etwa hundert Meter von den Toiletten entfernt. Nun sagt Ihr wahrscheinlich, also bitte, das ist ja wohl gar nichts. Na ja, die Steigung des Weges lag bei etwa 60° und ich habe es mir immer zweimal überlegt, bis ich mich auf den Weg machte und ihn deshalb des Öfteren rennen mußte. Das jedoch hätte ich mir besser noch früher überlegen sollen, denn im Grunde ist das gar nicht möglich.
Die Arbeit war unterschiedlich. Die Hauptaktivitäten woben sich jedoch bald als wiederkehrendes Muster heraus und hielten uns mit ihrer Komplexität schwer beschäftigt. Das erste war das Wegefegen. Bei Regen, Sonne, Wind und Regen (Schnee kennen die hier nicht), bei jedem Wetter fand ich mich mit einem Besen in den Händen wieder und fegte. Fegte in meditativer Schwerstarbeit jeden Morgen den Boden des Restaurants, das eigentlich einen Wischmopp viel dringender gebraucht hätte, fegte Blätter von den Pfaden zwischen den Hütten zum Haupthaus, fegte sogar den Dreck von den grünen Hüttenwänden. Die Schwerstarbeit daran war, dem ganzen auch nur irgendeinen noch so geringen Sinn zuzuschreiben, was mich davor hätte schützen können, die gesamte Zeit und Energie damit zu verschwenden, kleine Flüche gegen den etwas kühlen Besitzer und Hausherren zu abzuschicken, dem ich diese wunderbare Meditationsarbeit zu verdanken hatte.
Das zweite war das spülen. Immerhin hatten wir es hier mit einer Restaurantküche zu tun. Und was kann man da besseres tun, als spülen? Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell sich das Geschirr selbst wieder beschmutzt und sich zu Türmen stapelt. Stundenlanger Fokus auf die Spülbürste. Da bleibt kein Raum, irgendwelche Flüche im Kopf zu formulieren. Ja überhaupt gerät das Formulieren in einen völlig neuen Grenzbereich. Vereinzelte, immer wiederkehrende Worte fegen vorbei: Teller, Glas, Schüssel, Teller, Messer, Topf, Achtung heiß! Spülbürste, aua, das ist ja heiß! Kratzschwamm, Kratzschwamm, wo ist... ach egal, Teller, Gabel, Schüssel, iiihh, wie soll ich denn das... schneller!Frisches Wasser, Glas...
Und des Nachts die Geräusche aus dem Dschungel. Warum nur, sind hier die meisten Vögel nachtaktiv. Die nächtlichen Konzerte, untermalt von dem gleichmäßigen Bordun der Grillen, hielten mich oft bis in die Morgenstunden hinein wach.
So vergingen unsere Tage.
In den wenigen gemeinsamen freien Stunden, die wir nicht verschliefen, schlenderten wir träge bis zum Strand. Viel weiter kamen wir nicht. Sei es aus Gründen der sich rasch ausbreitenden Langeweile, die uns träge und müde nirgendwohin mehr zog, sei es die Nachricht, daß die Schlangen sich gerade in diesen Wochen noch einmal auf die Pirsch begeben, um sich für den baldigen Winterschlaf nochmal so richtig die Bäuche vollzuschlagen, sei es die traurige Feststellung, daß dieses noble Hotel, mühsam um eine angenehm, lockere, heimelige Atmosphäre bemüht, es nie schaffte wirkliche warme Herzlichkeit aufkommen zu lassen, oder sei es schlicht und einfach der ewig gleiche Wald mit dem ewig gleichen Regen.
Wir waren jedenfalls froh, als wir diesen heiligen Ort der Langeweile endlich wieder verlassen durften.
Montag, 1. Juni 2009
Alles Banane
Zwei Mädchen sitzen am Schreibtisch. Eine malt beflissen. Die andere, mit mindestens der gleichen Beflissenheit, schaut zum Fenster raus. Die Malende schwatzt munter und erklärt der anderen in wichtigem Ton, was genau sie da zu Papier bringt. Die Andere weicht anfangs nur zögerlich von ihrer Position und hält den Blick fest auf die Straße und vor allem den Fußweg geheftet. Irgendwann aber scheint das Drinnen, das Bild und das Malen selbst doch verlockender zu sein, als der leere Gehweg. Nur ein kurzer Blick, was kann da schon passieren. Sie wird schon nicht kommen.
Kurz darauf ist der Gehweg vergessen und beide sitzen da, mit Buntstiften in der Hand und pinseln munter drauf los, nicht ohne sich gegenseitig genauestens über den Inhalt ihrer Bilder zu unterrichten.
Plötzlich halten sie gleichzeitig inne.
Sie lauschen angestrengt, wie draußen jemand die Stufen heraufgestapft kommt, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wird, wie sich die Haustür öffnet, wie hastig Taschen abgestellt werden, wie lauten Tones der Name der einen gerufen wird und schließlich das Unvermeidliche passiert und hastig die Kinderzimmertür auffliegt.
Eine der Beiden sollte nicht hier sein. Wie oft hatte die Mutter gemahnt, niemanden mit nach Hause zu bringen, wenn sie selbst nicht da sei und doch hatte sie sich überreden lassen und die Freundin nach der Schule mit zu sich genommen.
In beiden Kinderköpfen fing es plötzlich an wie wild zu arbeiten, um eine überzeugende Argumentation aufzubauen, warum das jetzt alles eigentlich überhaupt gar nicht so schlimm sei und daß es ganz bestimmt auch nicht wieder vorkäme und überhaupt und so. Ja, vor allen Dingen überhaupt und so, denn so wirklich viel mehr fiel ihnen auf die Schnelle nicht ein.
Aber die Mutter ließ sie gar nicht zu Wort kommen. Aufgeregt wie sie war, drückte sie gleich allen beiden Kindern einen Zehnmarkschein in die Hand und schickte sie eilig und nervös in die Kaufhalle und daß sie sich ja beeilen.
Erst, als sie erleichterten Herzens ihre ganze Anspannung und Furcht aus sich herausgelacht hatten und sich in die lange Reihe der Wartenden einreihten, verstanden sie, daß die ganze Aufregung der Mutter gar nichts mit ihnen zu tun hatte. Ja daß sie vor lauter Aufregung wahrscheinlich noch nicht einmal gemerkt hatte, was die beiden angestellt hatten, sondern daß alle Nevosität sich ausschließlich auf die Bananen bezog, die es heute zu kaufen gab.
Nicht mehr als vier Stück pro Person, so die Regel.
Als sie zwei Stunden später mit ihrer stolzen Beute heim kamen, hätte sie keine Mutter der Welt mehr auf die längst vergessenen, verbotenen Malabenteuer zu erinnern gewagt.
Zwölf Bananen! Was für ein Tag!
20 Jahre später stehen die selben Mädchen im tropischen Norden Australiens und rücken unzähligen Bananenbäumen mit der Machete zu Leibe. In jeder Pause verdrücken sie mindestens zwei bis drei der gelben exotischen Früchte und einmal wöchentlich werden sie verpackt. Kiloweise wandern sie in unzählige Kisten und diese durch die ganze Welt.
Die Zeiten haben sich geändert.
Kurz darauf ist der Gehweg vergessen und beide sitzen da, mit Buntstiften in der Hand und pinseln munter drauf los, nicht ohne sich gegenseitig genauestens über den Inhalt ihrer Bilder zu unterrichten.
Plötzlich halten sie gleichzeitig inne.
Sie lauschen angestrengt, wie draußen jemand die Stufen heraufgestapft kommt, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wird, wie sich die Haustür öffnet, wie hastig Taschen abgestellt werden, wie lauten Tones der Name der einen gerufen wird und schließlich das Unvermeidliche passiert und hastig die Kinderzimmertür auffliegt.
Eine der Beiden sollte nicht hier sein. Wie oft hatte die Mutter gemahnt, niemanden mit nach Hause zu bringen, wenn sie selbst nicht da sei und doch hatte sie sich überreden lassen und die Freundin nach der Schule mit zu sich genommen.
In beiden Kinderköpfen fing es plötzlich an wie wild zu arbeiten, um eine überzeugende Argumentation aufzubauen, warum das jetzt alles eigentlich überhaupt gar nicht so schlimm sei und daß es ganz bestimmt auch nicht wieder vorkäme und überhaupt und so. Ja, vor allen Dingen überhaupt und so, denn so wirklich viel mehr fiel ihnen auf die Schnelle nicht ein.
Aber die Mutter ließ sie gar nicht zu Wort kommen. Aufgeregt wie sie war, drückte sie gleich allen beiden Kindern einen Zehnmarkschein in die Hand und schickte sie eilig und nervös in die Kaufhalle und daß sie sich ja beeilen.
Erst, als sie erleichterten Herzens ihre ganze Anspannung und Furcht aus sich herausgelacht hatten und sich in die lange Reihe der Wartenden einreihten, verstanden sie, daß die ganze Aufregung der Mutter gar nichts mit ihnen zu tun hatte. Ja daß sie vor lauter Aufregung wahrscheinlich noch nicht einmal gemerkt hatte, was die beiden angestellt hatten, sondern daß alle Nevosität sich ausschließlich auf die Bananen bezog, die es heute zu kaufen gab.
Nicht mehr als vier Stück pro Person, so die Regel.
Als sie zwei Stunden später mit ihrer stolzen Beute heim kamen, hätte sie keine Mutter der Welt mehr auf die längst vergessenen, verbotenen Malabenteuer zu erinnern gewagt.
Zwölf Bananen! Was für ein Tag!
20 Jahre später stehen die selben Mädchen im tropischen Norden Australiens und rücken unzähligen Bananenbäumen mit der Machete zu Leibe. In jeder Pause verdrücken sie mindestens zwei bis drei der gelben exotischen Früchte und einmal wöchentlich werden sie verpackt. Kiloweise wandern sie in unzählige Kisten und diese durch die ganze Welt.
Die Zeiten haben sich geändert.
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