Dienstag, 22. September 2009

Eine Reise geht zu Ende

Der letzte Tag in St. Petersburg und Russland war gekommen. Einen letzten Tag und dann hieß es sich trennen. Während sich Franziska auf den direkten Heimweg machte, schob ich den Tag der Rückkehr nach Deutschland noch um einige wenige Tage vor mir her. Der letzte gemeinsame Tag unserer gesamten großen Reise also.
Das Wetter war trübe und spiegelte unsere wehmütige Stimmung einmal mehr klar und unmißverständlich wider. Andererseits waren wir auch müde, erschöpft und nach sechs Monaten mächtig vollgepackt mit Eindrücken und Erlebnissen, so daß wir uns nur schwerlich aufraffen konnten noch einen letzten Spaziergang durch die großartige Stadt zu machen. Und diese Trägheit, die in den vergangenen Wochen bereits hin und wieder begonnen hatte, sich breitzumachen und der wir nun kaum noch große Entdeckerenergien entgegen zu stellten versuchten, machte mir deutlich, daß die Zeit kommen durfte, nach Hause zurück zu kehren, daß ich mich freute, nach einem langen, holprig-kunterbunten Weg, endlich wieder ein vertrautes Ziel vor Augen zu haben und endlich wieder voll und ganz ankommen zu dürfen.
Den letzten gemeinsamen Abend verbrachten wir über einem festlichen Sushimenü und schwelgten wechselweise in Erinnerungen und eifrigen Zukunftsplänen.
Am nächsten Morgen aber flammte nocheinmal die alte Reiselust auf und trotz der frühen Abschiedsstunde von Franziska und St. Petersburg machte ich mich voll gespannter Erwartung auf den Weg in die Selbständigkeit.

 

Ein seltsames Gefühl, plötzlich allein durch die noch dunklen Straßen zur Metro zu laufen, am Bahnhof nach dem richtigen Zug zu schauen und es sich schließlich auf seinem Platz gemütlich zu machen. Niemand war mehr da, mit dem man seine plötzlich aufkommenden Fragen nach der auszusteigenden U-Bahnstation, oder der Unsicherheit über die richtige Wagennummer diskutieren konnte, mit dem man die Zeit absprechen konnte, die immer ein Problem war, richtig einzuteilen. Aber es verbarg sich auch eine aufgeregte Freude darin, sich den Aufgaben selbst und mit dem schon etwas verstaubten Bewußtsein der vollen Verantwortung zu stellen, die aufkommenden Wahrnehmungen und Empfindungen ganz für sich allein zu haben, sie mit niemandem abstimmen zu brauchen und nicht zuletzt zu erfahren, daß sich alles ganz problemlos fügte.
Mit diesem fast rauschhaften Gefühl im Gepäck, fuhr ich Stockholm entgegen. Am Grenzübergang nach Finnland wurden mit einem Schlag sämtliche, in Russland so unentbehrlichen Dokumente und Belege über den genauen Reiseplan völlig unwichtig und mit einem lässigen Blick auf meinen Ausweis wurde ich freundlich in Finnland willkommen geheißen, während ein russisches Ehepaar, das neben mir saß, genaueste Angaben über ihre exakten Reisepläne inklusive sämtlicher Belege über die Rückreise nach Russland offenlegen mußte. Ihren halb neidischen, halb verächtlichen Blick, den sie mir schräg von der Seite zuwarfen, konnte ich nicht anders, als mit einem breiten Grinsen zu erwidern.

 

Helsinki erkundete ich bei strahlendem Sonnenschein in knapp drei Stunden und fühlte nun doch sehr deutlich den Unterschied der locker, leichten, entspannt fröhlichen Atmosphäre, die mir von all den sich auf Parkwiesen und Uferpromenaden tummelnden Menschen mit ihrer seltsam tönenden Sprache entgegenflog zu den strengen, oft unwirschen und immer häufig ein wenig schmollend erscheinenden Wesenszügen der Russen.

 

Aber meine Zeit hier war knapp bemessen und schon am frühen Abend verließ die Fähre die Stadt in Richtung Stockholm.
In meiner Kabine für die Nacht wurde ich dann allerdings nochmal herzlich an die russische Seele erinnert, denn ich teilte mir das Zimmer mit einer umfangreichen Dame um die 70 Jahre, deren munteres Geplapper mich, nachdem ich sie nach vielen anderen Sprachversuchen (allerlei wildes Gebaren eingeschlossen) letztendlich auch auf russisch fragte, woher sie denn komme, für den restlichen Abend in Beschlag nahm.
Auch Stockholm empfing mich, wie sollte es auch anders sein, mit einem klarblauen Himmel und einer noch immer angenehm wärmenden Sonne.

 

Dort verlebte ich nun meine letzten, wunderschönen Tage der Reise mit endlosen Spaziergängen durch die einzigartig schöne Stadt. Meine Füße trugen mich über Brücken und Inseln, durch weitläufige, herbstlich bunte Parks und die engen Gassen der Altstadt. Im Blick übers Wasser mischten sich ehrwürdige Häuserreihen, Paläste und Kirchen mit den überall vor Anker liegenden Booten und Schiffen jeder erdenklicher Form, Farbe und Größe. Und diese, von der Ostsee gespiegelte, vielfältige Pracht, verwandelte nahezu jeden Augenblick in ein unvergesslich schönes Bild und Erlebnis.

 

Die warme Spätsommersonne, die mir in diesen Tagen nicht von der Seite wich, verlockte mich am letzten Tag tatsächlich noch zu einem kleinen Bad in der Ostsee und ich konnte erfreut feststellen, daß das Wasser hier doch immerhin wärmer war, als am Baikalsee. Lange aber hielt es mich nicht und ich war froh danach wieder einen warmen Pullover überziehen zu können.

 

Der letzte Abend verging über einem leckeren Abendessen in gemütlich, fröhlicher Runde der besuchten Freunde und nach nur wenigen Stunden Schlafes, schlich ich zu unmenschlich früher Morgenstunde halb betrübt, halb noch schlafend dem Flugzeug entgegen, das mich am Samstagmorgen um acht Uhr in Berlin absetzte, wo ich nach sechs Monaten, sechs Tagen und 18 Stunden wieder Fuß auf heimatlichen Boden setzte.

 

War damit meine Reise zu Ende? Oder vielleicht erst mit der Zugfahrt nach Jena? Oder mit der Ankunft im Haus meiner Eltern? Oder jetzt, mit dem Fertigstellen des letzten Berichtes? Oder vielleicht auch erst mit der Ankunft zurück in Freiburg?
Aber was ist mit den gesammelten Erlebnissen, mit den Erfahrungen und Geschichten, den neuen Gedanken und Ideen, mit den neu gewonnenen Freunden und nicht zuletzt den unzähligen Bildern?
So vieles werde ich hoffentlich mit hinein nehmen in das neue Leben, welches das alte war, bis zu dem Moment, da ich ihm wieder gegenüberstand, dort, auf dem Berliner Flughafen.
Oder doch erst in der Haustür meiner Eltern? Oder wartet es gar noch auf mich in Freiburg? Oder bin ich am Ende etwa doch noch genau die Gleiche, die ich am Anfang war?
Welcher Anfang eigentlich? Das Verlassen Freiburgs? Der Abflug nach Sydney? Trage ich den Wunsch nach einer Reise nicht schon so viel länger mit mir herum? Wann hat das begonnen? Liegt der Anfang dieses Wunsches überhaupt in mir? Seit wann schon sehnt sich die Menschheit danach zu reisen, die Welt zu entdecken und zu erforschen? ...zu erobern?

 

Na jedenfalls bin ich jetzt wieder da! Fast zumindest, also so rein äußerlich. Und der Inhalt meines Rucksackes liegt verstreut über meinem Bett, der Hälfte des Bettes zumindest. Soviel ist es ja nicht. Aber trotzdem schaffe ich es nicht, diese wenigen Dinge, die so lang alles waren, wieder in die alte Ordnung einzureihen und überleg nun schon, ob mir das halbe Bett vielleicht auch zum Schlafen reicht, heut Nacht.

Montag, 14. September 2009

Eine Stadt nach meinem Geschmack!

Rotblauer Abendhimmel geleitete uns auf unserem gänzlich unkomplizierten Weg zu unserer Bleibe, diese wiederum empfing uns freundlich und mit sympatisch eingerichteten Zimmern. Kein Problem, sich hier für fünf Tage häuslich einzurichten.
Aber ach, am folgenden Morgen hatten uns die Wolken aus Moskau bereits wieder eingeholt. Das gleiche hämische Grinsen, ich habs sofort wiedererkannt und bin auf der Stelle wieder eingeschlafen!
Irgendwann ließen sich aber weder Hunger noch fortschreitende Tageszeit durch eine dünne Bettdecke davon abhalten, gewissenhaft auf mich einzureden und schafften es schließlich, mich zum Aufstehen zu bewegen.
 

Und endlich draußen an der frischen Luft, konnte mich selbst die dicke Wolkenwand nicht mehr von meiner Begeisterung über diese wunderschöne Stadt abhalten.
Der Eindruck verstärkte sich noch, als während der folgenden drei Tage unablässig die Sonne schien.
 

 

Sämtliche Zwiebeltürme, die an jeder Ecke hervorblitzten, strahlten in ihren golden und bunten Bemalungen, die unzähligen, stilvoll renovierten Jugendstilhäuser, die alle Straßen der Innenstadt säumten, spiegelten sich stolz und erhaben in den zahlreichen, kleinen und größeren Kanälen, welche das Stadtbild prägen und dann stehen mitten in der Innenstadt regelrecht aneinandergereiht, wie bei uns die Modegeschäfte, Kirche an Katedrale an Palast an Triumpfbogen, ein nicht endenwollender Zug an Erhabenheit und Größe.
 

Ähnlich ging es dann auch in den Palästen selbst zu. Saal an Saal drängten sich im Sommerpalast Ekaterinas die reichsten Dekorationen aus vergangenen Jahrhunderten und mündeten schließlich alle in das eine, unvergleichliche, in das Bernsteinzimmer. Das warme, matte Leuchten, welches von den rotgelben und reich verzierten Wänden ausging, zog mich unwillkürlich in seinen Bann und ich stand lange, still betrachtend, ließ mich von den unablässigen Strömen anderer Touristen mal in die eine, mal in die andere Ecke des Raumes und schließlich weiter durch die anderen Zimmer wieder hinaus in den Park treiben. Aber keines schaffte es mehr nach diesem Einen, mich wirklich zu begeistern.
 

Im Park selbst war es eher lustig, sich die überaus originalgetreuen Nachbildungen eines türkischen Bades, eines chinesischen Pavillions und krönend über allem, eine als Ruine fertiggestellte „Burg“ anzuschauen; wirklich unübertrefflich gut getroffen!
 

Noch reicher angefüllt, mit Kunstwerken regelrecht tapeziert und bis in die entferntesten Winkel mit Skulptuern und Erinnerungsstücken an vergangene Größen Russlands und der Welt angehäuft waren die zahlreichen Säle, Kammern und Flure der Hermitage, des kaiserlichen Winterpalastes und in den knappen vier Stunden, die wir unseren Köpfen zumuteten, war es mir nicht möglich auch nur ein Viertel der Ausstellungsstücke entsprechend zu würdigen. So war es trotz all meiner Wertschätzung den bildenden Künsten gegenüber eine Erleichterung, danach wieder in die leichte, fröhliche Gegenwart des von der Abendsonne beschienen Petersburgs zu treten und das unbeschwerte Getummel der Stadt an sich vorüberrauschen zu lassen.
 

 

Oh nein, oh nein, oh nein (09.09.09)!

An diesem Tag hieß es für uns wieder Sachen packen und weiterziehen.
Am Bahnhof hatten wir noch eine gute dreiviertel Stunde Zeit und ich dachte, ich könnte mich doch schon mal um mein Ticket nach Helsinki kümmern. Die Metro hatte uns auf einen großen, unübersichtlichen Platz ausgespuckt und überließ es uns selbst, von den beiden Bahnhöfen den richtigen auszuwählen. Wir trotteten zu einer Eingangshalle und fragten nach. Das unwirsche Kopfschütteln war uns nun schon bestens bekannt und wir ließen uns davon nicht mehr beeindrucken, sondern fragten gezielt weiter nach der Richung. Dem pauschalen Wink in die entgegengesetzte Richtung wussten wir dann aber schon nichts mehr entgegen zu setzen und folgten ihm ähnlich pauschal. Dort tauchte wieder ein seriös wirkendes Gebäude auf, in dem auch vielversprechend zahlreiche Kassen zu sehen waren. Ich steuerte zielbewußt auf eine davon zu, stotterte meinen Satz herunter, wurde mit dem wohl bekannten (was will die denn hier, kann sie denn nicht ordentlich reden, ich hab keine Zeit mich mit Diletanten abzugeben, was schauen sie nur so erwartungsvoll, natürlich sind sie hier am falschen Schalter-) Blick empfangen und mit einem ebenso gekonnt aussagelosen Handzeichen in eine andere Richtung weiter geschickt. Man kann sich vorstellen, daß dies noch eine ganze Weile so weiter ging. Treppauf, treppab und dreimal quer über den Bahnhofsvorplatz habe ich ungeahnte, wohlversteckte Dimensionen an Ticketschaltern ausfindig machen können, der Richtige aber war nicht dabei und ich mußte unverrichteter Dinge in den Zug nach St. Petersburg einsteigen.
 

Sonntag, 13. September 2009

Follow the Moskvaaa, down to Gorki- Pahahark...

Der nächste Halt des Zuges war bereits Moskau und unsere Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn ging hier zu Ende.
Neben strahlendem Sonnenschein empfing uns, kaum traten wir aus der Metrostation, eine riesige Ansammlung von Polizisten und Absperrungen. Der Weg zu unserem Hostel wurde uns wortlos verweigert, Ausnahmen gab es keine, schon gar nicht für zwei so unsicher wirkende Touristen mit großem, unübersichtlichen Gepäck, das wirkt immer gefährlich. Die übermäßige Wichtigkeit der Polizisten und ihre erhebliche Geschäftigkeit hatte aber dankbarerweise zur Folge, daß sie sich nicht die Mühe machten, unsere Pässe zu kontrollieren. Hier, so sprach sich herum, nähmen Polizisten solche gern mal in Beschlag und rückten sie nur gegen ein Erhebliches Schmiergeld wieder heraus, weshalb es besser wäre, nur Kopien hinzuzeigen. Solche hatte wir aber natürlich nicht, noch nicht, denn auf dem kurzen Weg zum Hostel würden wir schon keiner potentiellen Gefahr in Uniform in die Arme rennen. Die Straßen waren jedenfalls voll davon und wir standen recht lange und recht dumm rum und wußten nicht weiter. Zum Glück aber leben wir in der modernen Zeit des Telefons und etwa 10 Minuten später wurden wir durch kleine Hintergassen und leere Straßen zu unserer Bleibe geführt. Vor deren Eingang erwarteten uns dann aber doch zwei blutjunge, sehr wichtig aussehenwollende Polizisten, die dann auch tatsächlich nach unseren Papieren fragten. Nach intensiver Inspektion meines mongolischen Visas, das sie offensichtlich nicht vom Russischen zu unterscheiden wußten, gaben sie mir den Paß aber glücklicherweise heil zurück und wir durften endlich unser Gepäck ablegen.
 

An diesem strahlend, blauen Himmel war es eigentlich eine Unverschämtheit ausgerechnet uns den Zugang zur gesamten Innenstadt zu verweigern, nur um diesen blöden, angeblichen, wasweißichwievielten Geburtstag der Stadt zu feiern, zu deren Feierlichkeiten sich halb Russland in Moskau eingestellt hat.
Da wir uns unserem Schicksal aber nicht entgegen stellen konnten, zogen wir die Köpfe ein und schmollten! Die ganze Miliz da draußen hatte uns den Spaß schon ordentlich verdorben und wir trauten uns gar nicht recht auf die Straße. Aber irgendwann war die Macht des bestechend schönen Wetters stärker und wir schlichen mit konzentrierter Unauffälligkeit vorsichtig wieder zur Metrostation, stiegen heimlich still und leise ein und ließen uns an einen Ort so weit wie möglich vom Stadtzentrum entfernt bringen. So genossen wir die warme Frühherbstsonne an den Gräbern Tolstois und Tschaikovskis, am Ufer der Moskwa und bei einem beeindruckenden Blick über die Stadt.
 

 

Am folgenden Morgen erwachte ich eher widerwillig mit einem entäuschten Blick aus dem Fenster. Da klebten dicke Regenwolken an der Scheibe und grinsten mir höhnisch entgegen. Aber die Straßen waren über Nacht wieder blankgefegt worden und die Miliz hatte sich immerhin von unserer Haustür zu einer Patroullie an der Hauptstraße zurückgezogen. Das war natürlich unglaublich beruhigend und so machten wir uns völlig unbesorgt auf in Richtung Kreml, an eben diesem vorbei und hinein in jede Menge Kirchen und Museen, das Herzstück der Stadt selbst wollten wir uns natürlich für besseres Wetter aufheben, welches baldigst einzutreten für uns völlig außer Frage stand.
 


Aber irgendwie wollte die Sonne auch am folgenden Tag nicht so recht in die Gänge kommen und so blieb uns nichts anderes übrig, als uns ein zweites Mal geschlagen zu geben. Moskau verstand es wirklich, uns zu provozieren.
Nach einer Runde rundherum um die rote Ziegelsteinmauer, einer eher zufaelligen Begegnung mit dem beruehmtesten Einkaufszentrums des Landes, dem GUM und der vergeblichen Suche nach einem Zugang auf den roten Platz und in die Basilika, fanden wir dann wenigstens den Haupteingang in den Kreml.
 

Ich wuerde es ja gern auf das schlechte Wetter schieben, Nebel gab es aber dann doch keinen, dafür aber überall Absperrungen, Zäune und grimmige Gesichter, die aus ihren grünen Jacken starrten und uns mit ihren bohrenden Blicken überallhin zu verfolgen schienen, aber keine Auskünfte geben konnten, oder wollten. Lustig allerdings ist es ihnen zuzuschauen, wenn sie in der Gruppe unterwegs sind. Will sich einer ein Eis kaufen, müssen alle stehen bleiben und warten, fällt dem nächsten eine Minute später ein, dass er gern einen Hotdog hätte, bleibt wieder die ganze Kompanie stehen und schaut dem einen beim Kauf und Verzehr desselben zu. Das Innere des Kremls, oder zumindest der Teil, den wir besichtigen konnten, war fast so überzeugend wie sein Äusseres. Sein Zentrum bildeten vier beeindruckende Kirchen aus unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlicher Größe. In ihrem Inneren bargen sie die berühmtesten Ikone der Kunstgeschichte, sowie die Gräber vieler der ehemaligen Zaren.
 

Den letzten Tag widmeten wir musikalischer Quellenforschung und schafften es tatsächlich, einen ganzen Tag damit zu verbringen, dem Verlauf der Moskva, bis zum Gorki- Park zu folgen. Dieser angebliche Vergnügungspark, strotzte uns mit riesigem Eingangsportal und einer sich dahinter auftuenden, beängstigenden Verlassenheit entgegen, die jedem Gruselkabinett die Show stahl. Aus verschiedenen Ecken wehte uns Musik entgegen, mischte sich zu einem grauslichen Coctail aus Kinderlied, Techno und Strausswalzer und ließ uns lange unschlüssig darüber, in welche Richtung wir am wenigsten ungern weitergehen wollen würden. Vereinzelt waren Maschinen im Gange, die ihre wenigen Gäste übermütig durch die Lüfte schleuderten, oder kräftig durchschüttelten, aber keine schaffte es, wirklich überzeugend dabei zu wirken.
Müde und enttäuscht irrten wir noch ein wenig über breite Asphaltstraßen, die uns einzureden versuchten, es gäbe Zeiten größeren Andrangs. Mit dem herannahenden Abend wurde es auch tatsächlich ein wenig lebhafter. Möglicherweise hatten wir wirklich nur die Zeit ungünstig zwischen Kindergeburtstagsausflug und dem ersten Abend allein mit der Freundin erwischt, zwischen fünf und sechs Uhr Nachmittags, die Geisterstunde des Gorki- Parks.
 

Donnerstag, 10. September 2009

Immer weiter und weiter...

Nun geht die Reise langsam, aber sicher ihrem Ende entgegen und promt werde ich faul. Vielleicht liegt es aber auch daran, daß mir Russland noch immer so normal und vertraut vorkommt, und sich meine Gedanken bereits wieder zunehmend mit der Heimat und der Frage beschäftigen, wie wohl alles werden wird, wenn ich wieder da bin, daß ich kaum noch fähig bin, Neues wirklich in mir aufzunehmen und wert zu schätzen.
Vielleicht aber sind es auch die endlosen, zeitlosen Zugfahrten, die mich dergleichen einlullen und alles in gleichmäßig tuckerndem Tempo an mir vorüber ziehen lassen, ich nur mit Mühe, die schweren Augenlider offenhalten kann, um die endlosen Birkenwälder, schiefen Holzhütten und grünbunten Wiesen an mir vorbei ziehen zu sehen.
 

Hin und wieder halten wir dann an einer Stadt an und es gibt eine kurze Pause an der frischen Bahnhofluft und während Franziska plötzlich ganz neue Kräfte erwachsen zu scheinen und sie ungeduldig neben mir herhüpft, frage ich mich, warum ich mir nur wieder habe überreden lassen, das gemütliche Zugbett überhaupt zu verlassen. Auf halber Strecke machten wir einen dreitägigen Halt in Yekaterinburg, am Fuße des Urals. So hieß es zumindest, Berge habe ich allerdings keine gesehen. Die Stadt, ähnlich wie Irkutsk, war reich bestückt mit modern aufpolierten Häusern und Menschen. Alle zum ersten September besonders herausgeputzt. Der erste Schul- und Universitätstag der Saison scheint hier Anlass zu allgemeiner Feierlichkeit und ausgelassener Freude zu sein. Überall liefen junge Mädchen mit überdimensionalen weißen Schleifen im Haar herum, die Herren jeden Alters mit Anzug und Fliege und auf einer großen Bühne im Stadtpark präsentierte die Jugend der Stadt mit überzeugendem Lächeln traditionelle Tänze. Mit andere Worten, es war richtig was los.
 

Wir machten indessen sämtliche Museen unsicher und wagten uns an einem der Tage sogar aus der Stadt hinaus auf der Suche nach der Euroasiatischen Grenze, die irgendwo eine Stunde außerhalb mit dem öffentlichen Bus zu erreichen sein soll und machten stattdessen Bekanntschaft mit der weitbekannten Freundlichkeit der Landesbewohner. Die Straßenbahn fuhr uns zum Busbahnhof. Das mehrfach wiederholte und eindringliche „Endstation!...ENDSTATION!!!!“ der Schaffnerin beförderte uns mit Schwung auf die Straße, noch bevor in unseren Köpfen das Wort Zeit hatte übersetzt zu werden. Aber wir waren von umsorgten und für die gesellschaftliche Ordnungen besorgten Bürgen umgeben, so daß wir noch verdattert am Bahnsteig stehend mit ähnlicher Eindringlichkeit von zwei älteren Damen darauf hingewiesen worden, daß, wo immer wir hinwollten, wir auf jeden Fall die Unterführung zu nehmen hätten und hätten wir auch in die entgegengesetzte Richtung gewollt, hätte dennoch kein Weg an der Unterführung vorbei geführt. Glücklicherweise konnten sie dann in unbedeutendem Nuscheln auch noch ungefähr die Richtung zum Busbahnhof ergänzen, so daß wir unseren Weg, nach der Unterführung weiter auch fanden.
Am Bahnhof ging der Ticketkauf ohne einem Wort der Kassiererin vonstatten. Der Zug fuhr in drei Minuten. Dummerweise mußte ich aber nocheimal auf die Toilette. Also wirklich, hätte ich mir das nicht eher überlegen können. Ich gab Franziska die Tickets und rannte los. Als ich wieder da war war der Bus natürlich weg, aber der nächste stand bereits da. Es fuhren ja nur alle 10 Minuten welche. So stiegen wir ein und ich wurde erstmal von einem Schwall Zurechtweisungen überschüttet, wie ich nur aufs Klo hatte gehen können, jetzt sei unser Bus abgefahren und ich hätte völlig unnötigerweise die ganze Sitzordnung durcheinander gebracht. Ich fühlte mich auch gleich aufrichtig beschämt und nahm mir vor, das nächste Mal vor dem Ticketkauf eine Toilette aufzusuchen. Zu allem Überfluß wollten wir nun auch noch vor der eigentlichen Station aussteigen, um eben an die besagte Grenze zu kommen. Das brachte uns außer einem genervten Stöhnen der Schaffnerin noch einen eindrucksvollen, genervten Blick des Busfahrers ein. Daß mit diesem Blick der Beschluß zum Ausdruck gebracht worden war, unseren Wunsch einfach zu ignorieren, merkten wir, als wir etwa eine Stunde später an der Endstation angekommen waren und alle ausstiegen. Als ich ihn dann nochmal direkt darauf ansprach, bekam ich nur unverständliches Genuschel zur Antwort (was im Allgemeinen keine Besonderheit ist, da ich halt auch nicht wirklich viel verstehe), aber der Gesichtsausdruck war nicht misszuverstehen. Wahrscheinlich wußte er einfach nicht, wo dieser komische Grenze sein sollte, vielleicht aber auch konnte er sich nur nicht vorstellen, wie das für irgendjemanden von irgendeinem Interesse sein könnte. Auch andere wussten keine rechte Antwort, so daß wir beschlossen uns doch erstmal ein wenig umschauen könnten, was das Örtchen Pjervouralsk so zu bieten hätte. Es hatte eine Menge zu bieten, unzählige Plattenbauten, in gleichmäßigen Abständen aneinandergereiht, nicht übermäßig erschreckend herunter gekommen, aber auch nicht wirklich einladend zu ausgedehnteren Spaziergängen, so kamen wir keine 20 Minuten später wieder am Busbahnhof an und ich suchte natürlich ersteinmal die Toilette auf. Ich hatte ja gelernt.
 

Die Kassiererin,die gelangweilt ihrer Aufgabe nachging, die unglaubliche Toilettengebühr von ganzen 8 Rubeln (entspricht etwa 0.15 €) einzusammeln, schien von meinem Anblick nicht gerade erfreut zu sein, denn statt mir ordnungsgemäß ein Ticket abzurreißen und einzureißen, damit ich es nicht etwa ein zweites Mal verwende, blaffte sie mich enrüstet an, daß ich mich gefälligst beeilen solle, sie wolle jetzt schließlich in ihre Pause gehen. Und dabei hatte ich mich schon so auf das Toilettenticket gefreut. Na jedenfalls konnten wir danach unbesorgt in den nächsten Bus zurück einsteigen und so ging unser unglaublich erfolgreicher Ausflug mit einer zweiten Überfahrung der rätselhaft unauffindbaren und scheinbar gänzlich unwichtigen Grenze zwischen Europa und Asien zu Ende. Aber das wahre Russland ist mir mit unverzichtbaren Erlebnissen, ein wenig näher gekommen.
 

Dienstag, 1. September 2009

Am Baikalsee

Dann ging es auf zum Baikalsee! Uns bestand eine sechstägige Wanderung entlang des Ostufers bevor. Mit uns kamen zwei rückenkräftige Guides, ein russisches Pärchen aus dem Hostel, die uns nicht nur den Weg wiesen, sondern auch das Essen für die gesamte Zeit trugen und, was noch viel besser war, auch kochten. Eigentlich hatten wir nur für einen bezahlt, aber das seit etwa einem Jahr frisch verliebte Päärchen, war so begeistert, von ihrer Idee, uns gemeinsam zu begleiten, daß wir das Angebot schwerlich ablehnen konnten. So zogen wir denn nach einer gemütlichen Autofahrt zum See los und das Bild von zwei großen, schwankenden Rucksäcken vor denen sich zwei mal munter diskutierende, mal scheinbar mit schweren Vorwürfen bewerfende Menschen verbargen, änderte sich während der folgenden Tage nur noch in Ausnahmefällen. Das Einzige, was sich immer wieder recht schnell änderte, war der Abstand, denn trotz ihres Gepäckes, schienen sie mit den für uns vorgesehenen durchschnittlichen 18 km am Tag hoffnungslos unterfordert zu sein.
 

Für mich aber, war es zumindest an zwei der Tagen, die leider auch noch die längsten waren, ganz gut, daß uns nicht längere Strecken bevor standen. Nach dem ersten Abend mit einem Feuerchen am See, begann es über Nacht in meinem Magen ein wenig zu rumpeln und pumpeln und am Morgen schon hatte ich keine so rechte Lust aufzustehen.
 

Es folgten zwei Tage zunehmender Übelkeit, an denen ich mich am liebsten den ganzen Tag über im Zelt verkrochen hätte, stattdesen aber den munter wackelnden Rucksäcken hinterher stolperte, die nun auch noch den Großteil meines Gepäcks bei sich aufgeladen hatten. Das Wetter hatte sich mal wieder perfekt der Stimmung angepasst und es regnete die meiste Zeit, so daß wir trotz Regenkleidung bald völlig durchnässt waren.
 

Das abendliche Feuer und das mit der nie versiegenden Energie der Beiden zubereitete leckere Essen, brachte dann aber glücklicherweise immer wieder die nötige Wärme und Trockenheit, die uns ruhig und selig in unsere Schlafsäcke sinken ließ. Und mit dem sich bessernden Magen, verzogen sich auch die Wolken und die letzten beiden Tage, die wir dann allerdings leider größtenteils im Auto verbrachten, strahlte die Sonne aus einem klaren, hellblauen Himmel, der gegen Abend die Farbe des glitzernden, eiskalten, klaren Sees annahm, der uns die ganze Zeit auf unserer Wanderung begleitet hatte.
 

Am letzten Tag gab es noch eine ganz besondere Überraschung, wir stiegen unter der Begleitung eines dritten Guides, der auch das Auto mitgebracht hatte, in eine Höhle hinab, die sich dort scheinbar überall unter der Erde ausbreiten. In Rundumschutzmantel gewickelt und mit einem gelben Helm auf dem Kopf, zwängten wir uns durch eine winzige Felsspalte und standen vor einem dunklen Gang, dem wir entschlossen folgten. Durch weitere, endlose Gänge, zwischen engen Spalten hindurch, die manchmal nicht größer waren, als unbedingt nötig war, um nicht hängen zu bleiben, über tiefe Abgründe, gelangten wir immer weiter ins Innere des Berges. Ich hatte mich schon lang der absoluten Obhut meiner Begleiter übergeben, hätte niemals allein den Weg zurück gefunden. Es wurde immer kälter und tatsächlich stand ich plötzlich umgeben von schimmerndem Eis, das an den Wänden kristallisierte. An manchen Orten hatten sich Eiszapfen gebildet, an anderen hauchdünne Eiswände, die von der Decke hingen. An einer Stelle rutschten wir über eine dicke Eisschicht bergab, die sich am Boden gebildet hatte, und während ich noch überlegte, wie wir da bitte wieder zurückkommen sollten, krochen wir schon durch nicht enden wollende, schmale Gänge, die einen sehr zur Abnehmkur ermutigten, quertunnelein und die Frage wurde von dem schieren Kampf mit meinen nicht gerade stolzen Armkräften um zentimeterweises Vorarbeiten abgelöst. Glücklicherweise standen wir danach wieder an der selben Stelle, an der die Rutschpartie begonnen hatte, ich hatte also schon mal eine Sorge weniger. Die Tunneltortour war aber offensichtlich noch nicht zu Ende, zumindest fanden sich immer noch weitere sehr ähnliche Gebilde, die mir sehr ans Herz legten, mich doch nach meiner Rückkehr ein wenig mit meiner Armmuskulatur zu beschäftigen. Völlig erschöpft näherten wir uns dem Ausgang und das letzte Hindernis musste mich die Kraft anderer Arme herausziehen, da meine eigenen zu nichts mehr in der Lage waren. Aber ich war wieder draußen. Ein sanftes Lüftchen umwehte mein Gesicht, während die letzten Strahlen der Abendsonne die Hügel und den nahen See in ein warmes, leuchtendes Rot tauchten. Alles war gut.
So wenig mich auch die erdige Nähe ängstigt, so schön ist es dennoch, wieder nach draußen an die frische Luft zu kommen und den Blick über die sibirische, oder gern auch jegliche andere Weite schweifen lassen zu können.
 

 

 

 

 

 

Schon fast wie zu Hause

Irkutsk empfing uns mit strahlendem Sonnenschein, großen, blassen Menschen mit blonden Haaren die Frauen mit umfassender Gesichtsbemalung und glitzernd geschmückt, mit Häusern aus Stein oder Holz, ebenfalls bunt bemalt und herausgeputzt und unter diesen neuen Eindrücken die mir seltsam heimelig und vertraut anmuteten, suchten wir wieder einmal in einem ausführlichen Stadtrundgang unser Hostel. Einen Franzosen, den wir in Ulaan- Bator in unsere gut organisierte Obhut genommen hatten, schien die Tatsache, daß wir uns verlaufen hatten äußerst zu amüsieren und so sprach er immer wieder irgendwelche Leute auf der Straße an, um sie nach dem Weg zu fragen und als sich herausstellte, daß sie kein Englisch verstanden, schien es ihm nur allzu selbstverständlich zu sein, daß ich die Sache mit meinem längst verdrängten Schulrussisch schon wieder richten würde. Auch die angesprochenen Russen schienen davon überzeugt zu sein, denn kaum kam ein Wort dieser Sprache brüchig aus meinem Mund, begannen sie munter drauflos zu plappern, nicht etwa, weil sie den Weg kannten, sondern um uns zu erzählen, daß sie es leider auch nicht wüssten, sie aber eigentlich die Gegend kennen würden, und es ein schlechtes Gasthaus sei, wenn es uns nicht klar machen kann, wie wir es finden. Vielleicht haben sie aber auch was ganz anderes gesagt, unsere interpretatorische und kreative Freiheit lernte hier ihre Grenzenlosigkeit kennen, denn während wir noch über den zwei Worten, die wir verstanden ganze Geschichten erfanden, hatte der Franzose bereits die nächsten Passanten angesprochen und bedurfte unserer hoffnungslosen Hilfe. Eine junge Frau begannen sogar die verschiedenseten Leute anzurufen, um sie nach der von uns gesuchten Straße zu fragen, aber weiterhelfen konnte uns keiner.
Irgendwann lasen wir dann nocheinmal genau die Wegbeschreibungen, die im Computer gespeichert waren nach und fanden es ohne Schwierigkeiten keine 10 Minuten weit vom Bahnhof entfernt.
Aber die Sonne schien und so hielt es uns nicht lang im Hause. Ohne Gepäck zogen wir leichten Schrittes wieder in die Stadt.
 

Der erste Eindruck bestätigte sich. Es war eine sehr helle, freundliche, moderne Stadt, die mich vfast ein wenig an Leipzig erinnerte (wobei ich hierbei vielleicht erwähnen sollte, daß ich seit bald 10 Jahren nicht mehr in Leipzig gewesen bin.) und die Tatsache endlich nicht mehr sofort aufzufallen, sondern sich ohne Schwierigkeiten unter die heimischen Menschen mischen zu können, gab mir ein wohliges Gefühl der Ruhe und Gelassenheit, eine Ahnung davon, der eigenen Heimat nicht mehr allzu fern zu sein. Gemütlich und faul schlenderten wir durch die Straßen, hielten in einem kleinen Park ein Mittagsschläfchen und spielten bis zum Sonnenuntergang Karten.
 

Ähnlich vergingen auch die beiden folgenden Tage. Der Besuch des städtischen Kunstmuseums und einiger Kirchen bestätigten, daß wir die fernöstlichen Regionen zumindest aus kultureller Sicht verlassen hatten und uns raschen Schrittes wieder Europa näherten. Statt filigraner Kalligraphie prankten riesige, dunkle Ölmalereien in schweren, vergoldeten Rahmen, statt lachender Buddhas, mit gelben und blauen Tüchern geschmückt, blicken magere, triste Gesichter von den Kirchenwänden und kopfbedeckte Schweigsamkeit drückt sich ehrfürchtig darunter entlang.
 


Aber das schönste ist, ich kann endlich wieder ein Eis bestellen und Fahrkarten für die uralte Straßenbahn kaufen, ich kann fragen, wo man Telefonkarten kaufen kann, auch wenn ich die Antwort dann meist nicht mehr verstehe, ich kann auf die Frage, ob ich russisch verstehen würde, stolz antworten, ja ein wenig, auch wenn mir alles, was darauf folgt, ein Rätsel bleibt und fühle mich sehr kommunikativ dabei.

 

Samstag, 22. August 2009

20. August: Im Land der Nomaden

In Harhorum erinnert nichts mehr an die alte Bedeutung einer Hauptstadt. Holprige Lehmwege führten durch Pfützen und Schlaglöcher, vorbei an brüchigen Lattenzäunen, ohne irgendwelchen Beschriftung, oder Nummerierungen. Dahinter manchmal kleine, schiefe Holzhütten, häufiger aber die traditionellen Jurten. Aus solchen bestand dann auch unsere Bleibe für die kommenden drei Tage. Wortlos, aber freundlich wurden wir empangen und zu unseren Betten geführt, uns Tee gebracht und ein paar Stunden später der Holzofen angefeuert. Draußen vor den Jurten spielten ausgelassen drei kleine, muntere Mädchen, die einen fröhlichen Freudentanz zu unserer Begrüßung aufführten und uns immer wieder lachend umringten, sobald wir den Kopf aus der kleinen Tür heraussteckten.
 

Später bekamen wir ein leckeres Abendessen vorgesetzt, aber noch immer keine Aufklärung, warum niemand mit uns sprechen wollte. Uns war gesagt worden, daß die Familie hier gut Englisch sprechen würde und eine Email aus Peking hatte unsere Ankunft dem Herbergsvater eigentlich angekündigt. Von dem aber war nichts zu sehen und die beste Unterhaltung fand mit einem wunderbaren, etwa 10 jährigen Jungen statt: Hello, how are you, whats your name, der Rest fand in Zeichensprache statt.
Der nächste Morgen empfing uns nach einer eisig kalten Nacht mit einem warmen Ofen und einem leckeren Frühstück, aber noch immer keiner Erklärung, nur sich immer dringender anhäufenden Fragen unsererseits, die mit einem entschuldigendem, schlichten Kopfschütteln immer wieder im Sand verliefen.
Um den Tag nicht wartend zu vertun, machten wir uns auf, die Umgebung zu erkunden.
Es gibt nichts schöneres, als bei strahlendem Sonnenschein, die unendlichen Weiten der grünen, mongolischen Steppe vor sich zu sehen und die Richtung jedes Schrittes frei entscheiden zu können. Nirgendwo steht ein Haus, oder ein Zaun im Weg herum, der die Möglichkeiten einschränken könnte. Und so liefen wir stundenlang querfeldein, über Hügel und Wiesen und ich konnte den tiefen Drang nach absoluter Bewegungsfreiheit der Nomaden gut nachempfinden.
 

 

Die einzigen Lebewesen, denen wir begegneten, waren fünf Wildpferde, die friedlich auf einer Wiede grasten und ein junges Mädchen, das vom Beerenpflücken zurückkam und uns überholte. Sie war schnell heran gekommen, verlangsamte ihren Schritt aber, sobald sie an uns vorbei war, so daß wir ihr bald wieder begegneten. Als wir herankamen, begann sie in ihrer Plastiktüte zu suchen und brachte einige, gut ausgewählte, winzige Walderdbeeren zutage, die sie uns entgegen hielt. Wir nahmen sie an, dankten umfangreich und kramten nun unsererseits ein paar Schokolinsen heraus, die wir vorsorglich für solche Momente im Supermarkt gekauft hatten. Wortlos nahm sie sie entgegen und verschwand dann winkend Richtung Stadt. Bis auch wir den Weg zurückfanden, begann es bereits dunkel zu werden und strömender Regen, sorgte auf den letzten Metern dafür, daß wir komplett durchnässt in unserer Jurte ankamen.
Noch immer fand sich niemand, der mit uns reden wollte und wir begannen bereits ernsthaft zu überlegen, womit wir in diesem kleinen Ort noch einen weiteren Tag verbringen könnten, als Franziska wieder wortlos ein Telefon in die Hand gedrückt wurde.
 

Auch diesmal war es wohl irgendeine Schwester von irgendwem, die ein wenig Englisch verstand und uns fragte, ob wir am nächsten Tag nicht Lust hätten eine Tagestour zu machen. Sie würde uns einen Fahrer organisieren, der uns zu einem Kloster und einem Wasserfall bringen würde. Reiten könnten wir auch und es sei alles inklusive. Zahlen würden wir sofort und der Fahrer würde uns dann am nächsten Morgen um acht vor Ort abholen. Englisch spräche er leider nicht.
Klang gut! Also zahlten wir und hofften, unser naiver Optimismus würde uns weiterhin nichts als gute Erfahrungen bringen.
Am nächsten Morgen stand tatsächlich ein Fahrer vor der Tür, der auch tatsächlich kein Wort Englisch verstand. Wir fuhren einige Stunden über Felder und Wiesen, vorbei an Hammel-, Schafs- und Pferdeherden, hielten am frühen Mittag auf einen Milchsnack irgendwo an einer Jurte, bekamen Airag, undefinierbaren, salzigen Hartkäse, mongolischen Wodka und auch eine Tasse ganz normaler, heißer Milch zu probieren. In der Jurte lag ein frisch geschlachtetes Schaf, daneben saßen Kinder und aßen ihren Frühstücksbrei, der bereits überall im Gesicht verteilt war, ihre Beine baumelten über dem Trockenfleisch. Und wir mittendrin, unsicher wieviel zu nehmen nötig war, um nich unhöflich zu erscheinen und gleichzeitig fürchtend, das könnte bereits das versprochene Mittagessen sein.
Von dort aus ging es weiter über steinige Wege und matschige Sümpfe, aus denen wir hin und wieder das Auto herausschieben mussten, um weiter zu kommen, bis wir in irgendeinem Nationalpark ankamen. Dort setzte man uns ohne Erklärung auf zwei Pferde und ignorierte unsere Einwände, daß wir da nicht so wirklich routiniert mit umgehen könnten. Die armen, kleinen Tiere kämpften sich aber brav und mühsam den Berg hinauf, ohne unterwegs auf die Idee zu kommen, Balast abzuwerfen.
Oben auf dem Berg, ans Felsgestein geschmiegt, tauchte ein winziges, farbenfrohes buddhistisches Kloster auf, das auf grüne Hügelketten herabschaute, die in unendlicher Ferne mit dem Dunst des Horizontes verschmolzen. Ich hätte stundenlang dort stehen mögen, mir den Wind um die Ohren brausen lassen und dabei die Zeit vergessen.
 

Zurück am Fuße des Berges gab es dann glücklicherweise noch ein richtiges Mittagessen: Aus Pfannenkuchenteig geschnittene Nudeln mit Hammelfleisch. Davon kann ich schon eher satt werden!
Die Fahrt ging weiter. Durch wunderschöne Landschaften, Berge, Flüsse, Wiesen, wanden sich zahlreiche Wege, alle etwas in der Gegend verstreut, von denen sich der Fahrer je nach Lust und Wetterlaune die Beste aussuchen konnte, was nicht selten dazu führte, das es oft mehr hin und her, als wirklich vorwärts ging. Trotz allem kamen wir am frühen Abend an dem versprochenen Wasserfall an und genossen die kühle, klare Abendluft und die Spiegelungen des Sonnenuntergangs auf dem Wasser.
 

Von dort aus war es nun nicht mehr weit zurück nach Hause und hätte sich der Fahrer in der zunhemenden Dunkelheit nicht hemmungslos verfahren, wären wir wohl recht bald wieder wohl behalten angekommen.
So aber verbrachten wir die Nacht auf der Suche nach dem richtigen Weg, der in der kompletten Dunkelheit der mongolischen Steppe und der hoffnungslos überall verstreuten Straßen unmöglich zu finden war. Zwischen ungeduldigen Fahrtstrecken, die uns alle Stunde wieder aus dem mühsam gefundenen Schlaf in die frostig kalte Realität zurück schüttelte, lagen wir gequetscht zu dritt unter einem Schlafsack auf der Rückbank und auch wenn mich die mittlere Position so fest einkeilte, daß ich mich nicht rühren konnte, so war ich doch dankbar für die beidseitige, körperliche Wärme.
Aber wie jede Nacht, fand auch diese ein Ende und nach einer letzten Erholungspause unter der aufgehenden Sonne, war es für den Fahrer ein Leichtes sich zu orientieren und uns in weniger als einer halben Stunde nach Harhorum zurück zu bringen. Warum er das Missgeschick nicht hat akzepieren können und an einer der zahlreichen Jurten hat anhalten können, von denen uns jede freundlich aufgenommen hätte, hat er uns nicht verraten und so wirklich fragen konnten wir ihn mit unseren umfangreichen mongolischen Sprachkenntnissen auch nicht.
Kaum aber waren wir zurück, wurden wir freundlich und besorgt empfangen, der Schornstein unserer Jurte schmauchte schon gemütlich vor sich hin und wir wurden wärmstens mit Tee und heißer Suppe umsorgt. Die richtige Herbergsmutter war am Vorabend wiedergekommen, sie war auch diejenige, die am Vorabend am Telefon gewesen war und uns die Tour organisiert hatte. Sie entschuldigte sich nun wortreich für dieses Missgeschick und, was viel schöner war, wir konnten endlich wieder reden.
Der letzte Tag verging weitgehend mit dem Nachholen des Schlafes, dem Spielen mit den noch immer tanzenden und immer lachenden Kindern und einem kleinen Spaziergang mit der Herbergsmutter zum Marktplatz, bei dem wir endlich unsere vielen angesammelten Fragen loswerden konnten und so am Ende doch noch einen recht guten Einblick in die mongolische Lebensweise bekamen.
 

Weil für den Rückweg die Plätze im Bus bereits vergeben waren, mußten wir mit einem der zahlreichen Minibusse Vorlieb nehmen. Und weil die Anfrage derzeit so hoch ist, blieb den Insassen des Minibusses auch nichts anderes übrig, als es willenlos über sich ergehen zu lassen, daß der Fahrer all seine Stapelkünste anwandte und in den Bus, der für maximal 12 Personen zugelassen ist, doch immerhin 19 Leute samt nicht zu verachtendem Gepäck unterbrachte. Und während mir in regelmäßigen Abständen eine pinke Plastikwanne auf den Kopf fiel und wir alle bei jedem Schlagloch von unseren Sitzen auf den des Nachbars geschleudert wurden, näherten wir uns wieder der heutigen Hauptstadt.
Dort folgte noch ein Abend und ein ganzer Tag mit Begegnungen netter Menschen, einem letzten mongolischen Stadtbummel durch eine Stadt, die es nicht ganz schaffte, mein Herz zu gewinnen, da ich mich immer ein wenig unsicher, beobachtet und sehr fremd fühlte, und einem krönenden Abschluß mit einer Tanz- und Musikvorstellung im Nationaltheater, bevor wir bei hereinbrechender Dunkelheit wieder in den Zug stiegen, um uns erneut weitertragen zu lassen, viel zu früh aus den wunderschönen leeren Weiten, einer wieder komplett neuen Kultur entgegen.