Nun geht die Reise langsam, aber sicher ihrem Ende entgegen und promt werde ich faul. Vielleicht liegt es aber auch daran, daß mir Russland noch immer so normal und vertraut vorkommt, und sich meine Gedanken bereits wieder zunehmend mit der Heimat und der Frage beschäftigen, wie wohl alles werden wird, wenn ich wieder da bin, daß ich kaum noch fähig bin, Neues wirklich in mir aufzunehmen und wert zu schätzen.
Vielleicht aber sind es auch die endlosen, zeitlosen Zugfahrten, die mich dergleichen einlullen und alles in gleichmäßig tuckerndem Tempo an mir vorüber ziehen lassen, ich nur mit Mühe, die schweren Augenlider offenhalten kann, um die endlosen Birkenwälder, schiefen Holzhütten und grünbunten Wiesen an mir vorbei ziehen zu sehen.
Hin und wieder halten wir dann an einer Stadt an und es gibt eine kurze Pause an der frischen Bahnhofluft und während Franziska plötzlich ganz neue Kräfte erwachsen zu scheinen und sie ungeduldig neben mir herhüpft, frage ich mich, warum ich mir nur wieder habe überreden lassen, das gemütliche Zugbett überhaupt zu verlassen. Auf halber Strecke machten wir einen dreitägigen Halt in Yekaterinburg, am Fuße des Urals. So hieß es zumindest, Berge habe ich allerdings keine gesehen. Die Stadt, ähnlich wie Irkutsk, war reich bestückt mit modern aufpolierten Häusern und Menschen. Alle zum ersten September besonders herausgeputzt. Der erste Schul- und Universitätstag der Saison scheint hier Anlass zu allgemeiner Feierlichkeit und ausgelassener Freude zu sein. Überall liefen junge Mädchen mit überdimensionalen weißen Schleifen im Haar herum, die Herren jeden Alters mit Anzug und Fliege und auf einer großen Bühne im Stadtpark präsentierte die Jugend der Stadt mit überzeugendem Lächeln traditionelle Tänze. Mit andere Worten, es war richtig was los.
Wir machten indessen sämtliche Museen unsicher und wagten uns an einem der Tage sogar aus der Stadt hinaus auf der Suche nach der Euroasiatischen Grenze, die irgendwo eine Stunde außerhalb mit dem öffentlichen Bus zu erreichen sein soll und machten stattdessen Bekanntschaft mit der weitbekannten Freundlichkeit der Landesbewohner. Die Straßenbahn fuhr uns zum Busbahnhof. Das mehrfach wiederholte und eindringliche „Endstation!...ENDSTATION!!!!“ der Schaffnerin beförderte uns mit Schwung auf die Straße, noch bevor in unseren Köpfen das Wort Zeit hatte übersetzt zu werden. Aber wir waren von umsorgten und für die gesellschaftliche Ordnungen besorgten Bürgen umgeben, so daß wir noch verdattert am Bahnsteig stehend mit ähnlicher Eindringlichkeit von zwei älteren Damen darauf hingewiesen worden, daß, wo immer wir hinwollten, wir auf jeden Fall die Unterführung zu nehmen hätten und hätten wir auch in die entgegengesetzte Richtung gewollt, hätte dennoch kein Weg an der Unterführung vorbei geführt. Glücklicherweise konnten sie dann in unbedeutendem Nuscheln auch noch ungefähr die Richtung zum Busbahnhof ergänzen, so daß wir unseren Weg, nach der Unterführung weiter auch fanden.
Am Bahnhof ging der Ticketkauf ohne einem Wort der Kassiererin vonstatten. Der Zug fuhr in drei Minuten. Dummerweise mußte ich aber nocheimal auf die Toilette. Also wirklich, hätte ich mir das nicht eher überlegen können. Ich gab Franziska die Tickets und rannte los. Als ich wieder da war war der Bus natürlich weg, aber der nächste stand bereits da. Es fuhren ja nur alle 10 Minuten welche. So stiegen wir ein und ich wurde erstmal von einem Schwall Zurechtweisungen überschüttet, wie ich nur aufs Klo hatte gehen können, jetzt sei unser Bus abgefahren und ich hätte völlig unnötigerweise die ganze Sitzordnung durcheinander gebracht. Ich fühlte mich auch gleich aufrichtig beschämt und nahm mir vor, das nächste Mal vor dem Ticketkauf eine Toilette aufzusuchen. Zu allem Überfluß wollten wir nun auch noch vor der eigentlichen Station aussteigen, um eben an die besagte Grenze zu kommen. Das brachte uns außer einem genervten Stöhnen der Schaffnerin noch einen eindrucksvollen, genervten Blick des Busfahrers ein. Daß mit diesem Blick der Beschluß zum Ausdruck gebracht worden war, unseren Wunsch einfach zu ignorieren, merkten wir, als wir etwa eine Stunde später an der Endstation angekommen waren und alle ausstiegen. Als ich ihn dann nochmal direkt darauf ansprach, bekam ich nur unverständliches Genuschel zur Antwort (was im Allgemeinen keine Besonderheit ist, da ich halt auch nicht wirklich viel verstehe), aber der Gesichtsausdruck war nicht misszuverstehen. Wahrscheinlich wußte er einfach nicht, wo dieser komische Grenze sein sollte, vielleicht aber auch konnte er sich nur nicht vorstellen, wie das für irgendjemanden von irgendeinem Interesse sein könnte. Auch andere wussten keine rechte Antwort, so daß wir beschlossen uns doch erstmal ein wenig umschauen könnten, was das Örtchen Pjervouralsk so zu bieten hätte. Es hatte eine Menge zu bieten, unzählige Plattenbauten, in gleichmäßigen Abständen aneinandergereiht, nicht übermäßig erschreckend herunter gekommen, aber auch nicht wirklich einladend zu ausgedehnteren Spaziergängen, so kamen wir keine 20 Minuten später wieder am Busbahnhof an und ich suchte natürlich ersteinmal die Toilette auf. Ich hatte ja gelernt.
Die Kassiererin,die gelangweilt ihrer Aufgabe nachging, die unglaubliche Toilettengebühr von ganzen 8 Rubeln (entspricht etwa 0.15 €) einzusammeln, schien von meinem Anblick nicht gerade erfreut zu sein, denn statt mir ordnungsgemäß ein Ticket abzurreißen und einzureißen, damit ich es nicht etwa ein zweites Mal verwende, blaffte sie mich enrüstet an, daß ich mich gefälligst beeilen solle, sie wolle jetzt schließlich in ihre Pause gehen. Und dabei hatte ich mich schon so auf das Toilettenticket gefreut. Na jedenfalls konnten wir danach unbesorgt in den nächsten Bus zurück einsteigen und so ging unser unglaublich erfolgreicher Ausflug mit einer zweiten Überfahrung der rätselhaft unauffindbaren und scheinbar gänzlich unwichtigen Grenze zwischen Europa und Asien zu Ende. Aber das wahre Russland ist mir mit unverzichtbaren Erlebnissen, ein wenig näher gekommen.
Donnerstag, 10. September 2009
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