Der nächste Halt des Zuges war bereits Moskau und unsere Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn ging hier zu Ende.
Neben strahlendem Sonnenschein empfing uns, kaum traten wir aus der Metrostation, eine riesige Ansammlung von Polizisten und Absperrungen. Der Weg zu unserem Hostel wurde uns wortlos verweigert, Ausnahmen gab es keine, schon gar nicht für zwei so unsicher wirkende Touristen mit großem, unübersichtlichen Gepäck, das wirkt immer gefährlich. Die übermäßige Wichtigkeit der Polizisten und ihre erhebliche Geschäftigkeit hatte aber dankbarerweise zur Folge, daß sie sich nicht die Mühe machten, unsere Pässe zu kontrollieren. Hier, so sprach sich herum, nähmen Polizisten solche gern mal in Beschlag und rückten sie nur gegen ein Erhebliches Schmiergeld wieder heraus, weshalb es besser wäre, nur Kopien hinzuzeigen. Solche hatte wir aber natürlich nicht, noch nicht, denn auf dem kurzen Weg zum Hostel würden wir schon keiner potentiellen Gefahr in Uniform in die Arme rennen. Die Straßen waren jedenfalls voll davon und wir standen recht lange und recht dumm rum und wußten nicht weiter. Zum Glück aber leben wir in der modernen Zeit des Telefons und etwa 10 Minuten später wurden wir durch kleine Hintergassen und leere Straßen zu unserer Bleibe geführt. Vor deren Eingang erwarteten uns dann aber doch zwei blutjunge, sehr wichtig aussehenwollende Polizisten, die dann auch tatsächlich nach unseren Papieren fragten. Nach intensiver Inspektion meines mongolischen Visas, das sie offensichtlich nicht vom Russischen zu unterscheiden wußten, gaben sie mir den Paß aber glücklicherweise heil zurück und wir durften endlich unser Gepäck ablegen.
An diesem strahlend, blauen Himmel war es eigentlich eine Unverschämtheit ausgerechnet uns den Zugang zur gesamten Innenstadt zu verweigern, nur um diesen blöden, angeblichen, wasweißichwievielten Geburtstag der Stadt zu feiern, zu deren Feierlichkeiten sich halb Russland in Moskau eingestellt hat.
Da wir uns unserem Schicksal aber nicht entgegen stellen konnten, zogen wir die Köpfe ein und schmollten! Die ganze Miliz da draußen hatte uns den Spaß schon ordentlich verdorben und wir trauten uns gar nicht recht auf die Straße. Aber irgendwann war die Macht des bestechend schönen Wetters stärker und wir schlichen mit konzentrierter Unauffälligkeit vorsichtig wieder zur Metrostation, stiegen heimlich still und leise ein und ließen uns an einen Ort so weit wie möglich vom Stadtzentrum entfernt bringen. So genossen wir die warme Frühherbstsonne an den Gräbern Tolstois und Tschaikovskis, am Ufer der Moskwa und bei einem beeindruckenden Blick über die Stadt.
Am folgenden Morgen erwachte ich eher widerwillig mit einem entäuschten Blick aus dem Fenster. Da klebten dicke Regenwolken an der Scheibe und grinsten mir höhnisch entgegen. Aber die Straßen waren über Nacht wieder blankgefegt worden und die Miliz hatte sich immerhin von unserer Haustür zu einer Patroullie an der Hauptstraße zurückgezogen. Das war natürlich unglaublich beruhigend und so machten wir uns völlig unbesorgt auf in Richtung Kreml, an eben diesem vorbei und hinein in jede Menge Kirchen und Museen, das Herzstück der Stadt selbst wollten wir uns natürlich für besseres Wetter aufheben, welches baldigst einzutreten für uns völlig außer Frage stand.
Aber irgendwie wollte die Sonne auch am folgenden Tag nicht so recht in die Gänge kommen und so blieb uns nichts anderes übrig, als uns ein zweites Mal geschlagen zu geben. Moskau verstand es wirklich, uns zu provozieren.
Nach einer Runde rundherum um die rote Ziegelsteinmauer, einer eher zufaelligen Begegnung mit dem beruehmtesten Einkaufszentrums des Landes, dem GUM und der vergeblichen Suche nach einem Zugang auf den roten Platz und in die Basilika, fanden wir dann wenigstens den Haupteingang in den Kreml.
Ich wuerde es ja gern auf das schlechte Wetter schieben, Nebel gab es aber dann doch keinen, dafür aber überall Absperrungen, Zäune und grimmige Gesichter, die aus ihren grünen Jacken starrten und uns mit ihren bohrenden Blicken überallhin zu verfolgen schienen, aber keine Auskünfte geben konnten, oder wollten. Lustig allerdings ist es ihnen zuzuschauen, wenn sie in der Gruppe unterwegs sind. Will sich einer ein Eis kaufen, müssen alle stehen bleiben und warten, fällt dem nächsten eine Minute später ein, dass er gern einen Hotdog hätte, bleibt wieder die ganze Kompanie stehen und schaut dem einen beim Kauf und Verzehr desselben zu. Das Innere des Kremls, oder zumindest der Teil, den wir besichtigen konnten, war fast so überzeugend wie sein Äusseres. Sein Zentrum bildeten vier beeindruckende Kirchen aus unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlicher Größe. In ihrem Inneren bargen sie die berühmtesten Ikone der Kunstgeschichte, sowie die Gräber vieler der ehemaligen Zaren.
Den letzten Tag widmeten wir musikalischer Quellenforschung und schafften es tatsächlich, einen ganzen Tag damit zu verbringen, dem Verlauf der Moskva, bis zum Gorki- Park zu folgen. Dieser angebliche Vergnügungspark, strotzte uns mit riesigem Eingangsportal und einer sich dahinter auftuenden, beängstigenden Verlassenheit entgegen, die jedem Gruselkabinett die Show stahl. Aus verschiedenen Ecken wehte uns Musik entgegen, mischte sich zu einem grauslichen Coctail aus Kinderlied, Techno und Strausswalzer und ließ uns lange unschlüssig darüber, in welche Richtung wir am wenigsten ungern weitergehen wollen würden. Vereinzelt waren Maschinen im Gange, die ihre wenigen Gäste übermütig durch die Lüfte schleuderten, oder kräftig durchschüttelten, aber keine schaffte es, wirklich überzeugend dabei zu wirken.
Müde und enttäuscht irrten wir noch ein wenig über breite Asphaltstraßen, die uns einzureden versuchten, es gäbe Zeiten größeren Andrangs. Mit dem herannahenden Abend wurde es auch tatsächlich ein wenig lebhafter. Möglicherweise hatten wir wirklich nur die Zeit ungünstig zwischen Kindergeburtstagsausflug und dem ersten Abend allein mit der Freundin erwischt, zwischen fünf und sechs Uhr Nachmittags, die Geisterstunde des Gorki- Parks.
Sonntag, 13. September 2009
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