Dienstag, 22. September 2009

Eine Reise geht zu Ende

Der letzte Tag in St. Petersburg und Russland war gekommen. Einen letzten Tag und dann hieß es sich trennen. Während sich Franziska auf den direkten Heimweg machte, schob ich den Tag der Rückkehr nach Deutschland noch um einige wenige Tage vor mir her. Der letzte gemeinsame Tag unserer gesamten großen Reise also.
Das Wetter war trübe und spiegelte unsere wehmütige Stimmung einmal mehr klar und unmißverständlich wider. Andererseits waren wir auch müde, erschöpft und nach sechs Monaten mächtig vollgepackt mit Eindrücken und Erlebnissen, so daß wir uns nur schwerlich aufraffen konnten noch einen letzten Spaziergang durch die großartige Stadt zu machen. Und diese Trägheit, die in den vergangenen Wochen bereits hin und wieder begonnen hatte, sich breitzumachen und der wir nun kaum noch große Entdeckerenergien entgegen zu stellten versuchten, machte mir deutlich, daß die Zeit kommen durfte, nach Hause zurück zu kehren, daß ich mich freute, nach einem langen, holprig-kunterbunten Weg, endlich wieder ein vertrautes Ziel vor Augen zu haben und endlich wieder voll und ganz ankommen zu dürfen.
Den letzten gemeinsamen Abend verbrachten wir über einem festlichen Sushimenü und schwelgten wechselweise in Erinnerungen und eifrigen Zukunftsplänen.
Am nächsten Morgen aber flammte nocheinmal die alte Reiselust auf und trotz der frühen Abschiedsstunde von Franziska und St. Petersburg machte ich mich voll gespannter Erwartung auf den Weg in die Selbständigkeit.

 

Ein seltsames Gefühl, plötzlich allein durch die noch dunklen Straßen zur Metro zu laufen, am Bahnhof nach dem richtigen Zug zu schauen und es sich schließlich auf seinem Platz gemütlich zu machen. Niemand war mehr da, mit dem man seine plötzlich aufkommenden Fragen nach der auszusteigenden U-Bahnstation, oder der Unsicherheit über die richtige Wagennummer diskutieren konnte, mit dem man die Zeit absprechen konnte, die immer ein Problem war, richtig einzuteilen. Aber es verbarg sich auch eine aufgeregte Freude darin, sich den Aufgaben selbst und mit dem schon etwas verstaubten Bewußtsein der vollen Verantwortung zu stellen, die aufkommenden Wahrnehmungen und Empfindungen ganz für sich allein zu haben, sie mit niemandem abstimmen zu brauchen und nicht zuletzt zu erfahren, daß sich alles ganz problemlos fügte.
Mit diesem fast rauschhaften Gefühl im Gepäck, fuhr ich Stockholm entgegen. Am Grenzübergang nach Finnland wurden mit einem Schlag sämtliche, in Russland so unentbehrlichen Dokumente und Belege über den genauen Reiseplan völlig unwichtig und mit einem lässigen Blick auf meinen Ausweis wurde ich freundlich in Finnland willkommen geheißen, während ein russisches Ehepaar, das neben mir saß, genaueste Angaben über ihre exakten Reisepläne inklusive sämtlicher Belege über die Rückreise nach Russland offenlegen mußte. Ihren halb neidischen, halb verächtlichen Blick, den sie mir schräg von der Seite zuwarfen, konnte ich nicht anders, als mit einem breiten Grinsen zu erwidern.

 

Helsinki erkundete ich bei strahlendem Sonnenschein in knapp drei Stunden und fühlte nun doch sehr deutlich den Unterschied der locker, leichten, entspannt fröhlichen Atmosphäre, die mir von all den sich auf Parkwiesen und Uferpromenaden tummelnden Menschen mit ihrer seltsam tönenden Sprache entgegenflog zu den strengen, oft unwirschen und immer häufig ein wenig schmollend erscheinenden Wesenszügen der Russen.

 

Aber meine Zeit hier war knapp bemessen und schon am frühen Abend verließ die Fähre die Stadt in Richtung Stockholm.
In meiner Kabine für die Nacht wurde ich dann allerdings nochmal herzlich an die russische Seele erinnert, denn ich teilte mir das Zimmer mit einer umfangreichen Dame um die 70 Jahre, deren munteres Geplapper mich, nachdem ich sie nach vielen anderen Sprachversuchen (allerlei wildes Gebaren eingeschlossen) letztendlich auch auf russisch fragte, woher sie denn komme, für den restlichen Abend in Beschlag nahm.
Auch Stockholm empfing mich, wie sollte es auch anders sein, mit einem klarblauen Himmel und einer noch immer angenehm wärmenden Sonne.

 

Dort verlebte ich nun meine letzten, wunderschönen Tage der Reise mit endlosen Spaziergängen durch die einzigartig schöne Stadt. Meine Füße trugen mich über Brücken und Inseln, durch weitläufige, herbstlich bunte Parks und die engen Gassen der Altstadt. Im Blick übers Wasser mischten sich ehrwürdige Häuserreihen, Paläste und Kirchen mit den überall vor Anker liegenden Booten und Schiffen jeder erdenklicher Form, Farbe und Größe. Und diese, von der Ostsee gespiegelte, vielfältige Pracht, verwandelte nahezu jeden Augenblick in ein unvergesslich schönes Bild und Erlebnis.

 

Die warme Spätsommersonne, die mir in diesen Tagen nicht von der Seite wich, verlockte mich am letzten Tag tatsächlich noch zu einem kleinen Bad in der Ostsee und ich konnte erfreut feststellen, daß das Wasser hier doch immerhin wärmer war, als am Baikalsee. Lange aber hielt es mich nicht und ich war froh danach wieder einen warmen Pullover überziehen zu können.

 

Der letzte Abend verging über einem leckeren Abendessen in gemütlich, fröhlicher Runde der besuchten Freunde und nach nur wenigen Stunden Schlafes, schlich ich zu unmenschlich früher Morgenstunde halb betrübt, halb noch schlafend dem Flugzeug entgegen, das mich am Samstagmorgen um acht Uhr in Berlin absetzte, wo ich nach sechs Monaten, sechs Tagen und 18 Stunden wieder Fuß auf heimatlichen Boden setzte.

 

War damit meine Reise zu Ende? Oder vielleicht erst mit der Zugfahrt nach Jena? Oder mit der Ankunft im Haus meiner Eltern? Oder jetzt, mit dem Fertigstellen des letzten Berichtes? Oder vielleicht auch erst mit der Ankunft zurück in Freiburg?
Aber was ist mit den gesammelten Erlebnissen, mit den Erfahrungen und Geschichten, den neuen Gedanken und Ideen, mit den neu gewonnenen Freunden und nicht zuletzt den unzähligen Bildern?
So vieles werde ich hoffentlich mit hinein nehmen in das neue Leben, welches das alte war, bis zu dem Moment, da ich ihm wieder gegenüberstand, dort, auf dem Berliner Flughafen.
Oder doch erst in der Haustür meiner Eltern? Oder wartet es gar noch auf mich in Freiburg? Oder bin ich am Ende etwa doch noch genau die Gleiche, die ich am Anfang war?
Welcher Anfang eigentlich? Das Verlassen Freiburgs? Der Abflug nach Sydney? Trage ich den Wunsch nach einer Reise nicht schon so viel länger mit mir herum? Wann hat das begonnen? Liegt der Anfang dieses Wunsches überhaupt in mir? Seit wann schon sehnt sich die Menschheit danach zu reisen, die Welt zu entdecken und zu erforschen? ...zu erobern?

 

Na jedenfalls bin ich jetzt wieder da! Fast zumindest, also so rein äußerlich. Und der Inhalt meines Rucksackes liegt verstreut über meinem Bett, der Hälfte des Bettes zumindest. Soviel ist es ja nicht. Aber trotzdem schaffe ich es nicht, diese wenigen Dinge, die so lang alles waren, wieder in die alte Ordnung einzureihen und überleg nun schon, ob mir das halbe Bett vielleicht auch zum Schlafen reicht, heut Nacht.

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