Dienstag, 1. September 2009

Schon fast wie zu Hause

Irkutsk empfing uns mit strahlendem Sonnenschein, großen, blassen Menschen mit blonden Haaren die Frauen mit umfassender Gesichtsbemalung und glitzernd geschmückt, mit Häusern aus Stein oder Holz, ebenfalls bunt bemalt und herausgeputzt und unter diesen neuen Eindrücken die mir seltsam heimelig und vertraut anmuteten, suchten wir wieder einmal in einem ausführlichen Stadtrundgang unser Hostel. Einen Franzosen, den wir in Ulaan- Bator in unsere gut organisierte Obhut genommen hatten, schien die Tatsache, daß wir uns verlaufen hatten äußerst zu amüsieren und so sprach er immer wieder irgendwelche Leute auf der Straße an, um sie nach dem Weg zu fragen und als sich herausstellte, daß sie kein Englisch verstanden, schien es ihm nur allzu selbstverständlich zu sein, daß ich die Sache mit meinem längst verdrängten Schulrussisch schon wieder richten würde. Auch die angesprochenen Russen schienen davon überzeugt zu sein, denn kaum kam ein Wort dieser Sprache brüchig aus meinem Mund, begannen sie munter drauflos zu plappern, nicht etwa, weil sie den Weg kannten, sondern um uns zu erzählen, daß sie es leider auch nicht wüssten, sie aber eigentlich die Gegend kennen würden, und es ein schlechtes Gasthaus sei, wenn es uns nicht klar machen kann, wie wir es finden. Vielleicht haben sie aber auch was ganz anderes gesagt, unsere interpretatorische und kreative Freiheit lernte hier ihre Grenzenlosigkeit kennen, denn während wir noch über den zwei Worten, die wir verstanden ganze Geschichten erfanden, hatte der Franzose bereits die nächsten Passanten angesprochen und bedurfte unserer hoffnungslosen Hilfe. Eine junge Frau begannen sogar die verschiedenseten Leute anzurufen, um sie nach der von uns gesuchten Straße zu fragen, aber weiterhelfen konnte uns keiner.
Irgendwann lasen wir dann nocheinmal genau die Wegbeschreibungen, die im Computer gespeichert waren nach und fanden es ohne Schwierigkeiten keine 10 Minuten weit vom Bahnhof entfernt.
Aber die Sonne schien und so hielt es uns nicht lang im Hause. Ohne Gepäck zogen wir leichten Schrittes wieder in die Stadt.
 

Der erste Eindruck bestätigte sich. Es war eine sehr helle, freundliche, moderne Stadt, die mich vfast ein wenig an Leipzig erinnerte (wobei ich hierbei vielleicht erwähnen sollte, daß ich seit bald 10 Jahren nicht mehr in Leipzig gewesen bin.) und die Tatsache endlich nicht mehr sofort aufzufallen, sondern sich ohne Schwierigkeiten unter die heimischen Menschen mischen zu können, gab mir ein wohliges Gefühl der Ruhe und Gelassenheit, eine Ahnung davon, der eigenen Heimat nicht mehr allzu fern zu sein. Gemütlich und faul schlenderten wir durch die Straßen, hielten in einem kleinen Park ein Mittagsschläfchen und spielten bis zum Sonnenuntergang Karten.
 

Ähnlich vergingen auch die beiden folgenden Tage. Der Besuch des städtischen Kunstmuseums und einiger Kirchen bestätigten, daß wir die fernöstlichen Regionen zumindest aus kultureller Sicht verlassen hatten und uns raschen Schrittes wieder Europa näherten. Statt filigraner Kalligraphie prankten riesige, dunkle Ölmalereien in schweren, vergoldeten Rahmen, statt lachender Buddhas, mit gelben und blauen Tüchern geschmückt, blicken magere, triste Gesichter von den Kirchenwänden und kopfbedeckte Schweigsamkeit drückt sich ehrfürchtig darunter entlang.
 


Aber das schönste ist, ich kann endlich wieder ein Eis bestellen und Fahrkarten für die uralte Straßenbahn kaufen, ich kann fragen, wo man Telefonkarten kaufen kann, auch wenn ich die Antwort dann meist nicht mehr verstehe, ich kann auf die Frage, ob ich russisch verstehen würde, stolz antworten, ja ein wenig, auch wenn mir alles, was darauf folgt, ein Rätsel bleibt und fühle mich sehr kommunikativ dabei.

 

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