Samstag, 22. August 2009

20. August: Im Land der Nomaden

In Harhorum erinnert nichts mehr an die alte Bedeutung einer Hauptstadt. Holprige Lehmwege führten durch Pfützen und Schlaglöcher, vorbei an brüchigen Lattenzäunen, ohne irgendwelchen Beschriftung, oder Nummerierungen. Dahinter manchmal kleine, schiefe Holzhütten, häufiger aber die traditionellen Jurten. Aus solchen bestand dann auch unsere Bleibe für die kommenden drei Tage. Wortlos, aber freundlich wurden wir empangen und zu unseren Betten geführt, uns Tee gebracht und ein paar Stunden später der Holzofen angefeuert. Draußen vor den Jurten spielten ausgelassen drei kleine, muntere Mädchen, die einen fröhlichen Freudentanz zu unserer Begrüßung aufführten und uns immer wieder lachend umringten, sobald wir den Kopf aus der kleinen Tür heraussteckten.
 

Später bekamen wir ein leckeres Abendessen vorgesetzt, aber noch immer keine Aufklärung, warum niemand mit uns sprechen wollte. Uns war gesagt worden, daß die Familie hier gut Englisch sprechen würde und eine Email aus Peking hatte unsere Ankunft dem Herbergsvater eigentlich angekündigt. Von dem aber war nichts zu sehen und die beste Unterhaltung fand mit einem wunderbaren, etwa 10 jährigen Jungen statt: Hello, how are you, whats your name, der Rest fand in Zeichensprache statt.
Der nächste Morgen empfing uns nach einer eisig kalten Nacht mit einem warmen Ofen und einem leckeren Frühstück, aber noch immer keiner Erklärung, nur sich immer dringender anhäufenden Fragen unsererseits, die mit einem entschuldigendem, schlichten Kopfschütteln immer wieder im Sand verliefen.
Um den Tag nicht wartend zu vertun, machten wir uns auf, die Umgebung zu erkunden.
Es gibt nichts schöneres, als bei strahlendem Sonnenschein, die unendlichen Weiten der grünen, mongolischen Steppe vor sich zu sehen und die Richtung jedes Schrittes frei entscheiden zu können. Nirgendwo steht ein Haus, oder ein Zaun im Weg herum, der die Möglichkeiten einschränken könnte. Und so liefen wir stundenlang querfeldein, über Hügel und Wiesen und ich konnte den tiefen Drang nach absoluter Bewegungsfreiheit der Nomaden gut nachempfinden.
 

 

Die einzigen Lebewesen, denen wir begegneten, waren fünf Wildpferde, die friedlich auf einer Wiede grasten und ein junges Mädchen, das vom Beerenpflücken zurückkam und uns überholte. Sie war schnell heran gekommen, verlangsamte ihren Schritt aber, sobald sie an uns vorbei war, so daß wir ihr bald wieder begegneten. Als wir herankamen, begann sie in ihrer Plastiktüte zu suchen und brachte einige, gut ausgewählte, winzige Walderdbeeren zutage, die sie uns entgegen hielt. Wir nahmen sie an, dankten umfangreich und kramten nun unsererseits ein paar Schokolinsen heraus, die wir vorsorglich für solche Momente im Supermarkt gekauft hatten. Wortlos nahm sie sie entgegen und verschwand dann winkend Richtung Stadt. Bis auch wir den Weg zurückfanden, begann es bereits dunkel zu werden und strömender Regen, sorgte auf den letzten Metern dafür, daß wir komplett durchnässt in unserer Jurte ankamen.
Noch immer fand sich niemand, der mit uns reden wollte und wir begannen bereits ernsthaft zu überlegen, womit wir in diesem kleinen Ort noch einen weiteren Tag verbringen könnten, als Franziska wieder wortlos ein Telefon in die Hand gedrückt wurde.
 

Auch diesmal war es wohl irgendeine Schwester von irgendwem, die ein wenig Englisch verstand und uns fragte, ob wir am nächsten Tag nicht Lust hätten eine Tagestour zu machen. Sie würde uns einen Fahrer organisieren, der uns zu einem Kloster und einem Wasserfall bringen würde. Reiten könnten wir auch und es sei alles inklusive. Zahlen würden wir sofort und der Fahrer würde uns dann am nächsten Morgen um acht vor Ort abholen. Englisch spräche er leider nicht.
Klang gut! Also zahlten wir und hofften, unser naiver Optimismus würde uns weiterhin nichts als gute Erfahrungen bringen.
Am nächsten Morgen stand tatsächlich ein Fahrer vor der Tür, der auch tatsächlich kein Wort Englisch verstand. Wir fuhren einige Stunden über Felder und Wiesen, vorbei an Hammel-, Schafs- und Pferdeherden, hielten am frühen Mittag auf einen Milchsnack irgendwo an einer Jurte, bekamen Airag, undefinierbaren, salzigen Hartkäse, mongolischen Wodka und auch eine Tasse ganz normaler, heißer Milch zu probieren. In der Jurte lag ein frisch geschlachtetes Schaf, daneben saßen Kinder und aßen ihren Frühstücksbrei, der bereits überall im Gesicht verteilt war, ihre Beine baumelten über dem Trockenfleisch. Und wir mittendrin, unsicher wieviel zu nehmen nötig war, um nich unhöflich zu erscheinen und gleichzeitig fürchtend, das könnte bereits das versprochene Mittagessen sein.
Von dort aus ging es weiter über steinige Wege und matschige Sümpfe, aus denen wir hin und wieder das Auto herausschieben mussten, um weiter zu kommen, bis wir in irgendeinem Nationalpark ankamen. Dort setzte man uns ohne Erklärung auf zwei Pferde und ignorierte unsere Einwände, daß wir da nicht so wirklich routiniert mit umgehen könnten. Die armen, kleinen Tiere kämpften sich aber brav und mühsam den Berg hinauf, ohne unterwegs auf die Idee zu kommen, Balast abzuwerfen.
Oben auf dem Berg, ans Felsgestein geschmiegt, tauchte ein winziges, farbenfrohes buddhistisches Kloster auf, das auf grüne Hügelketten herabschaute, die in unendlicher Ferne mit dem Dunst des Horizontes verschmolzen. Ich hätte stundenlang dort stehen mögen, mir den Wind um die Ohren brausen lassen und dabei die Zeit vergessen.
 

Zurück am Fuße des Berges gab es dann glücklicherweise noch ein richtiges Mittagessen: Aus Pfannenkuchenteig geschnittene Nudeln mit Hammelfleisch. Davon kann ich schon eher satt werden!
Die Fahrt ging weiter. Durch wunderschöne Landschaften, Berge, Flüsse, Wiesen, wanden sich zahlreiche Wege, alle etwas in der Gegend verstreut, von denen sich der Fahrer je nach Lust und Wetterlaune die Beste aussuchen konnte, was nicht selten dazu führte, das es oft mehr hin und her, als wirklich vorwärts ging. Trotz allem kamen wir am frühen Abend an dem versprochenen Wasserfall an und genossen die kühle, klare Abendluft und die Spiegelungen des Sonnenuntergangs auf dem Wasser.
 

Von dort aus war es nun nicht mehr weit zurück nach Hause und hätte sich der Fahrer in der zunhemenden Dunkelheit nicht hemmungslos verfahren, wären wir wohl recht bald wieder wohl behalten angekommen.
So aber verbrachten wir die Nacht auf der Suche nach dem richtigen Weg, der in der kompletten Dunkelheit der mongolischen Steppe und der hoffnungslos überall verstreuten Straßen unmöglich zu finden war. Zwischen ungeduldigen Fahrtstrecken, die uns alle Stunde wieder aus dem mühsam gefundenen Schlaf in die frostig kalte Realität zurück schüttelte, lagen wir gequetscht zu dritt unter einem Schlafsack auf der Rückbank und auch wenn mich die mittlere Position so fest einkeilte, daß ich mich nicht rühren konnte, so war ich doch dankbar für die beidseitige, körperliche Wärme.
Aber wie jede Nacht, fand auch diese ein Ende und nach einer letzten Erholungspause unter der aufgehenden Sonne, war es für den Fahrer ein Leichtes sich zu orientieren und uns in weniger als einer halben Stunde nach Harhorum zurück zu bringen. Warum er das Missgeschick nicht hat akzepieren können und an einer der zahlreichen Jurten hat anhalten können, von denen uns jede freundlich aufgenommen hätte, hat er uns nicht verraten und so wirklich fragen konnten wir ihn mit unseren umfangreichen mongolischen Sprachkenntnissen auch nicht.
Kaum aber waren wir zurück, wurden wir freundlich und besorgt empfangen, der Schornstein unserer Jurte schmauchte schon gemütlich vor sich hin und wir wurden wärmstens mit Tee und heißer Suppe umsorgt. Die richtige Herbergsmutter war am Vorabend wiedergekommen, sie war auch diejenige, die am Vorabend am Telefon gewesen war und uns die Tour organisiert hatte. Sie entschuldigte sich nun wortreich für dieses Missgeschick und, was viel schöner war, wir konnten endlich wieder reden.
Der letzte Tag verging weitgehend mit dem Nachholen des Schlafes, dem Spielen mit den noch immer tanzenden und immer lachenden Kindern und einem kleinen Spaziergang mit der Herbergsmutter zum Marktplatz, bei dem wir endlich unsere vielen angesammelten Fragen loswerden konnten und so am Ende doch noch einen recht guten Einblick in die mongolische Lebensweise bekamen.
 

Weil für den Rückweg die Plätze im Bus bereits vergeben waren, mußten wir mit einem der zahlreichen Minibusse Vorlieb nehmen. Und weil die Anfrage derzeit so hoch ist, blieb den Insassen des Minibusses auch nichts anderes übrig, als es willenlos über sich ergehen zu lassen, daß der Fahrer all seine Stapelkünste anwandte und in den Bus, der für maximal 12 Personen zugelassen ist, doch immerhin 19 Leute samt nicht zu verachtendem Gepäck unterbrachte. Und während mir in regelmäßigen Abständen eine pinke Plastikwanne auf den Kopf fiel und wir alle bei jedem Schlagloch von unseren Sitzen auf den des Nachbars geschleudert wurden, näherten wir uns wieder der heutigen Hauptstadt.
Dort folgte noch ein Abend und ein ganzer Tag mit Begegnungen netter Menschen, einem letzten mongolischen Stadtbummel durch eine Stadt, die es nicht ganz schaffte, mein Herz zu gewinnen, da ich mich immer ein wenig unsicher, beobachtet und sehr fremd fühlte, und einem krönenden Abschluß mit einer Tanz- und Musikvorstellung im Nationaltheater, bevor wir bei hereinbrechender Dunkelheit wieder in den Zug stiegen, um uns erneut weitertragen zu lassen, viel zu früh aus den wunderschönen leeren Weiten, einer wieder komplett neuen Kultur entgegen.
 

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