Die unglaublich präzise Richtungsangabe zu unserem Hostel, nämlich, daß es sich nur 500m vom Bahnhof entfernt befinde und daher sehr leicht zu finden sei, sorgte dafür, daß wir etwa eine Stunde lang in allen Himmelsrichtungen um den Bahnhof herum jede Straße abschritten, nur um dann doch in einem spätabendlich geöffneten Friseursalon zu spazieren und uns in einer mittlerweile zwar vertrauten, aber immer noch völlig unverständlichen Sprache doch nicht verständigen zu können. Nach einigem erfolglosen Rumgezappel konnten wenige chinesische Schriftzeichen im Lonely planet das Gesicht der jungen Frau zum Aufleuchten bringen. Erleichtert uns endlich helfen zu können, lief sie auf die Straße, um den vorbeibrausenden Motorrollerfahrern entgegen zu rufen, ob einer vielleicht diese Adresse kennen würde. Völlig zu meiner Überraschung hielt auch tatsächlich einer an, der Bescheid zu wissen schien und keine zwei Minuten später standen wir erleichtert am Ziel unserer Wünsche.
Der erste Eindruck einer dreckigen, lauten, baufälligen und touristenarmen Stadt, den wir an der abendlichen Bahnhofsumwanderung gewonnen hatten, änderte sich auch bei Tageslicht nicht und so verschwendeten wir so wenig Zeit wie uns bei der fast unerträglichen Aufdringlichkeit der Taxifahrer möglich war, um in den nächsten Bus zu springen, der uns für niedliche 0.15 € quer durch die Stadt, entlang der ärmlichen Vororte, zu den Longmen-Grotten brachte.
Diese Grotten beherbergen tausende in Stein gehauener Buddhas in allen Größen und Bedeutungen und sind absolut verdienter Weise Teil des Weltkulturerbes. Leider hat man das, wie bei so vielen Dingen, noch nicht immer so gesehen, so daß zu Beginn des 20sten Jahrhunderts die Grotten häufig geplündert worden, wobei auch viele Köpfe verloren gingen, die nun allerdings langsam wieder von irgend woher zum Vorschein kommen und in mühsamster Kleinstarbeit wieder angebaut werden. Mindestens genauso schlimm und irreversibel waren die Zerstörungsaktionen in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als aus Glaubensverbotsgründen unzähligen Steinfiguren die Gesichter weggehackt und unkenntlich gemacht wurden. Aber trotz dieser Zerstörungsspuren war es ein rundum beeindruckendes Erlebnis, über weite Strecken des Berges hinweg von einer Grotte zur nächsten zu gehen und immer wieder andere Figuren zu bewundern. Immer wieder neue Kunstwerke über fast 1000 Jahre hinweg in Stein gehauen, für die Ewigkeit geschaffen.
Als wir uns vor einer Ausicht mit dunstigem Tempelblick ein Weilchen ausruhend ans Geländer lehnten, hätten wir eigentlich ein Geschäft aus der Fotografiersucht der Chinesen machen können, so wie sie alle mit ihren Kameras Schlange standen und ihre Kinder eifrig vor dieser einmaligen Attraktion zweier rothaariger Europäer zurecht rückten. So langsam frage ich mich, in wie vielen Fotoalben wir als die neuen, westliche Freunde bedeutsam hervorgezeigt werden, oder gar auf den Nachttischen eingerahmt auf den süßen Schlaf der armen Kinder hinablächeln, die sich mit uns knipsen lassen mussten.
Obwohl ich für den nächsten Tag lieber unabhängig unterwegs gewesen wäre, entschieden wir uns schlußendlich doch wieder für eine geführte Tour. Das Ziel war das Shaolinkloster, was durch die Entwicklung des „gungfu“ weltweit Berühmtheit erlangt hat. Nachdem zu viele Leute für den Bus mitkommen wollten, wurden ausgerechnet Franziska und ich auserwählt und sehr wortreich wieder aus dem Bus herausgewunken, einer anderen Person in Obhut gegeben und nach einem Spaziergang durch die halbe Stadt in einen anderen Bus verfrachtet. In diesem saß nun außer uns kein einziger Nichtchinese mehr und erklärt wurde uns auch alles nur sehr unwirsch und ausschließlich in der Landessprache, so daß wir eigentlich keine Ahnung hatten, wohin es nun ging und was überhaupt das alles sollte. Irgendwie schien es aber doch ein Bus mit der gleichen Tour zu sein und so klapperten wir auf dem Weg noch einige andere Tempel und Grabstätten ab, bei denen wir wieder fleißig gesottene Eintrittspreise für Dinge zahlen durften, die wir eigentlich gar nicht sehen wollten und zur Steigerung unserer Laune konnten wir dem Reiseleiter auch nur sehr mühselig entlocken, wann wir wieder auf dem Bus zu sein hatte, damit wir nicht irgendwo dann plötzlich allein dastünden.
Irgendwann am frühen Nachmittag kamen wir dann auch tatsächlich am Shaolinkloster an und hatten immerhin noch drei Stunden Zeit für ein Gebiet, das ohne Schwierigkeiten, 6-8 Stunden verdient hätte. Aber wofür sich die ganze Aufregung im Endeffeckt doch gelohnt hat, war eine Kampfvorstellung der Mönche. Nach chinesischer Art mussten wir zwar schon fast eine kleine Kampfvorstellung bieten, um uns einen Sitzplatz zu sichern (man steht da und wartet darauf daß andere Europäer aufstehen und ihre Sachen wegräumen, damit man durchpasst, da schieben sich mit ungeahnten Kräften fünf Chinesen gleichzeitig an einem vorbei, lösen meine Hände rücksichtslos vom Stuhl, treten mir auf die Füße, trampeln den anderen über die Taschen und schauen einen dabei noch mit bösen Blicken an, wenn man versucht irgendetwas dagegen zu unternehmen. Wem es aber nicht gelingt, einen Platz zu erhaschen, der ist auch nicht nachtragend, sondern drängelt sich mit ungetrübtem Elan weiter), aber als die Vorstellung begann und ich sowohl saß, als auch sah, blieb mir der Mund offen vor Erstaunen und Begeisterung. Verrenkungen bis man nicht mehr weiß, wo oben und wo unten ist, Sprünge, Saltos und Bewegungen in unfassbarem Tempo, bis hin zu gebrochenen Steinplatten und einer Nadel, die durch eine Glasscheibe hindurch einen Luftballon zum Platzen brachte. Letzteres beeindruckte mich besonders, weil es beim ersten Mal nicht gleich gelang, und die Nadel beim Aufprall auf das Glas Funken sprühte. Daran wurde noch faszinierender sichbar, welche Energien dabei aufgebaut und unheimlich präzise und gezielt frei gesetzt werden. Draußen empfing uns wieder einmal strömender Regen, der es uns leichter machte hinzunehmen, daß wir eigentlich viel zu wenig Zeit hatten, denn sämtliche Aussichtsberge blieben im Regenschleier verborgen.
Am Abend ergatterten wir uns noch die beiden letzten Schlafplätze im Zug nach Pingyao für den folgenden Abend und hatten somit noch einen ganzen Tag zu unserer Verfügung, verschlafen durch freundlich grüßende Taxifahrer und auf die Straße pinkelnde Kinder zu schlurfen.
Samstag, 22. August 2009
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