Da jeder Tempeleintritt und jede Bergbesteigung extra zu bezahlen war, verließen wir die hoffnungslos überteuerten, heiligen Berge bereits am zweiten Tag wieder und machten uns bei strahlendem Sonnenschein auf nach Peking, unserem letzten Ziel in China. Nach zwei Stunden Busfahrt durch winzige Bergdörfer und klargrün leuchtende Berglandschaft stiegen wir gespannt in den einzigen Zug des Tages und waren anfänglich von der sehr günstigen “Hardseater”-Klasse noch recht positiv begeistert. Immerhin, wir hatten einen Platz zum Sitzen, das Gepäck war verstaut und auch wenn das Fenster nicht zu öffnen ging, so blies doch ein kleiner, rotierender Ventilator hin und wieder halbwegs frische Luft in unsere Richtung. Je näher wir allerdings der großen Stadt kamen, desto voller wurden die Abteile und da wir den 400 km Zugfahrt nicht wirklich mehr als 5 Stunden eingeräumt hatten, knurrten unsere Mägen bald im Takt zum Tuckern des Zuges, als wir endlich, nach zehnstündiger Fahrt mit Halt auf allen Unterwegsbahnhöfen, eingequetscht zwischen weiteren drei bis vier Chinesen auf jeder Bank in Peking einfuhren.
Ohne Reservierung und Ahnung, wo wir die Nacht verbringen sollten, standen wir ein wenig hilflos Vom Zug endlich ausgespuckt auf dem Gleis herum, bis sich wieder einmal ein netter, junger Mann, mit guten Englischkenntnissen unser annahm und für uns in den verschiedenen Hostels anrief, bis er eines mit freien Betten fand und dann auch noch geduldig mit den Taxifahrern diskutierte, daß sie uns bitte dahinfahren sollten. Es ist manchmal sehr erstaunlich, aber immer wieder ein wunderbares Erlebnis: Es geht immer irgendwie weiter. Das Leben lässt einen nicht einfach auf dem Abstellgleis stehen.
Auf dem Abstellgleis stehe ich jetzt und während die Wagen des Zuges alle einzeln angehoben werden, um sie mit neuen Rädern für die schmaleren Gleise der Mongolei auszurüsten, sitze ich im gemütlichen Abteil der Transsibirischen und will versuchen die Erlebnisse der ausgefüllten, vergangenen Woche in der Chinesischen Hauptstadt in Worte zu fassen.
Am ersten Tag durchstreiften wir ahnungslos die riesige Stadt auf der Suche nach den offenkundigsten Sehenswürdigkeiten, wie dem Tianmenplatz und der Verbotenen Stadt. Die Weitläufigkeit und Größe in der die Stadt angelegt ist, ist überwältigend. Dennoch haben die Unmengen Bewohner der Stadt keine Schwierigkeiten auch diese Flächen auszufüllen und die Kinder, glücklich über den unerwarteten Auslauf, springen munter zwischen den Menschenmassen herum, die sich auf dem Platz tummeln. Schnell waren unsere Füße erschöpft und trugen uns müde zum nächsten Pekingentenrestaurant, wo wir zu horrenden Preisen unsere erste Pekingente verdrückten.
Ähnlich schnell vergingen die weiteren Tage. Die weiten Strecken, die auf der Karte so unscheinbar und leicht bewältigbar wirken wurden des öfteren zu ausgedehnten Spaziergängen zu, oder von den U-Bahnstationen.
Mit tausenden von anderen Menschen zwängten wir uns durch die Tore der Verbotenen Sadt, wurden vom Regen überrascht und verschwanden augenblicklich unter einem Meer von Schirmen.
Noch schlimmer war der Sommerpalast, da wie damals auch der Kaiser, mindestens eine halbe Millionen Chinesen Ruhe und Entspannung in den grünen Gärten und Seen um die verspielte Sommerresidenz suchten. Was sie fanden weiß ich nicht. Ich fand heraus, daß es sich nicht immer lohnt, eine Liste der bekanntesten Sehenswürdigkeiten abzuklappern und war froh, daß wir den Park recht bald wieder verließen, um dem viel spannenderen Abenteuer zu folgen uns einfach mal aus Spaß an der Freude in den nächsten Bus zu setzen, der kommt und sehr schnell festzustellen, daß er uns geradewegs aus der Stadt hinaus und in die weit abgelegenen Vororte führt, weshalb wir dann doch recht bald wieder umkehrten.
So verbrachten wir am Ende doch die meiste Zeit damit, durch irgendwelche Gassen zu schlendern, uns von winkenden Kindern anlachen zu lassen, an winzigen Straßenständen nach Obst und SD-Karten zu stöbern, oder im Park den unterschiedlichsten Freizeitbeschäftigungen der Einheimischen zu zu schauen oder zu lauschen. Da wurden ganz selbstverständlich Chorproben und Sologesangsübungen im Freien abgehalten, die seltsamsten Instrumente ausgepackt, oder auch einfach nur Tai chi gemacht oder Karten gespielt.
Viele der Straßen waren erstaunlich sauber und neu, die breiteren Straßen waren überhäuft mit Souvenirgeschäften, oder westlichen Klamottenläden und es war fast schwer, ein paar übrig gebliebene, authentisch alte, heruntergekommene Ecken zu finden.
Aber wir waren erfolgreich, wurden aufs freundlichste aufgenommen und waren bald in unserem Stammlokal als gute Freunde herzlichst willkommen und bekamen die seltsamsten Gerichte gratis hinzu, wenn wir eigentlich nur eine Kleinigkeit trinken wollten.
Ein ganz besonderes Ereignis war der Ausflug zur Chinesischen Mauer. Etwa zehn Kilometer kletterten wir fast ausschließlich auf der alten Mauer herum, treppauf, treppab, von einem Wachtürmchen zum nächsten, umschwirrt von fleißigen Händlern, die gern bereit waren, einem für 2 € die gesamte Strecke zu folgen, wenn man sich erst am Ende entscheiden wolle, ein T-Shirt mit „I climbed the great wall“- Aufdruck zu kaufen und fast entäuscht dreinblickten, wenn man sie bat, ihre Kräfte doch lieber zu schonen.
So flog die Zeit vorbei, wie draußen die Landschaft. Und während sich im Gang der ersten Klasse ältere Ehepaare gegenseitig über ihre enorme Chinakenntnis informieren, die sie in den vergangenen zwei Tagen in Peking haben sammeln können und laut ausrufend ans Fenster stürmen, wenn die große Mauer sichtbar wird, fährt der Zug mit uns aus der großen Stadt hinaus in die leere Weite der Mongolischen Steppe, weg von den unzähligen, oft lauten, aber immer freundlichen Menschen, hin zu weiteren, neuen Erlebnissen.
Samstag, 22. August 2009
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