Samstag, 22. August 2009

7. August: Chinas Lieblingsferienorte

Nach einer weiteren, gemütlichen Zugfahrt, kamen wir am frühen Morgen in dem wunderhübschen, sehr traditionell, chinesischen Ort Pingyao an. Dort erwartete uns ein weiterer Abholservice und ich kam zum ersten Mal in den Genuss, auf einer Rickshaw mitzufahren. Fröhlich tuckerte diese in die Stadtmauern des Ortes und von dort weiter durch zahlreiche enge, lampionbehangene, Gassen mit kleinen schiefen, grauen Spitzdächern, vorbei an frühmorgendlichen Händlern, die von ihren Fahrräderständen aus Obst, Mais, oder frisch zubereitete Pfannkuchen anboten, bis tief ins Innere des noch verschlafenen Gassengewirrs, zu unserer nächsten Heimat.
Als wir nur kurze Zeit später frei von Gepäck wieder auf die Straße traten, hatte sich das Bild komplett gewandelt. Die Türen der eben noch tief schlummernden Häuser standen weit geöffnet und die verschiedensten Waren quollen in allen nur erdenklichen Farben bis weit auf die Straße hinaus. Überall tummelten sich bunte, fröhliche Menschen mit Kameras und Sonnenschirmen.
 

Wir fanden uns mitten in einem der belibtesten Touristenorte Chinas wieder und schon allein des sonnigen Wetters wegen, blieb uns nichts anderes übrig, als uns mit Freuden mitten hinein zu mischen.
 

So erwarben wir eine Sammeleintrittskarte für alle Sehenswürdigkeiten des alten Stadtkerns und wanderten fröhlich knipsend an den unzähligen Souvenirständen vorbei von einem kleinen Museum zum nächsten, um staunend Innenhöfe von Tempeln, Wohnsitzen ehemaliger bedeutender Familien, oder Banken zu betrachten, die ihre Geschichten und Erklärungen leider immer nur in Chinesisch zum Besten gaben und sich im Endeffeckt doch alle sehr ähnlich sahen. Gerade, als unser Interesse begann ein klitzekleines bißchen nachzulassen, standen plötzlich zwei nette, junge Frauen vor uns und baten uns eine kostenfreie Führung an, um ihr Englisch zu trainieren. Da ich ja von je her ein gutgläubiger Mensch bin, kam ich gar nicht erst auf die Idee aus anderen Gründen, als purer Höflichkeit zu zögern und so schritten wir bald an der Seiter der Beiden durch das Bankmuseum, die Eine erklärend, die Andere übersetzend und wir endlich etwas verstehend. Eine knappe halbe Stunde später wußte ich für eine sehr kurze Zeit alles über die angeblich erste Chinesische Privatbank und konnte mir doch nicht helfen mir über die uneigennützige Freundlichkeit der Beiden Gedanken zu machen, als sie sich freundlich verabschiedeten, noch bevor wir auch nur Gelegenheit hatten, sie vielleicht ins Teehaus einzuladen.
So schlenderten wir den ganzen Tag durch die so wunderschöne und gut erhaltene Altstadt und fühlten uns seit langem mal wieder so richtig entspannt und gemütlich. Am Abend hatten wir noch Gelegenheit, eine traditionelle Tanztheateraufführung zu besuchen, was ein wunderschönes Erlebnis war. Irgendwo zwischen freiem Ausdruckstanz, Akrobatik, Kungfu und Pantomime bewegten sich die Tänzer in kreativen, farbenfrohen Choreographien. ( Und wenn auch viele der Künstler Gürtel trugen, damit ihre weiten Gewänder nicht beim herumfliegen störten, so war es doch überzeugend genug, um meine Zehenspitzen doch immer wieder zum Jucken und den Kopf auf viele dumme Ideen zu bringen, soetwas auch machen zu wollen.)
Der zweite Tag verging ganz ähnlich und ich nutzte die vielen, kleinen Stände oft erfolgreich, meine Handelkünste weiter zu verbessern. Es ist so lustig, den verschiedenen Reaktionen der Verkäufer zu folgen, wie sie sich an diesem Spiel erfreuen. Wenn ihnen ein westlicher Tourist gegenübersteht, verlangen sie hoffnungsos übertriebene Preise, beginnen aber zu lachen, oder entsetzt Mund und Augen aufreißen, sobald man ihnen ein Angebot beim etwa einem Zehntel des Preises macht und das Spiel kann beginnen. Auf Taschenrechner, oder Papier werden Zahlen hin und her geschoben und am Ende, wenn ich meißt schon zur Tür raus bin und sie endlich mein Angebot hinnehmen, kann die Reaktion alles sein, von beleidigten Blicken, daß man es geschafft hat sie um ihren erhofften Gewinn zu bringen, bis hin zu anerkennendem Schulterklopfen. Ob ich in Freiburg auch einfach mal in den „Saturn“ spazieren könnte, um einen USB-Stick um die Hälfte des ausgeschriebenen Preises herunter zu handeln? Ich glaube eher, ich würde mit völlig verstandnislosen Blicken gebeten werden, doch bitte umgehend den Laden zu verlassen.
 

Und so beginne ich mich langsam auch in dieser Fremde zurecht zu finden und immer wohler zu fühlen, trotz der unglaublich vielen Menschen, die es immer wieder schaffen, mich völlig verständnislos kopfschüttelnd mitten auf der Straße stehen zu lassen und munter hin und her geschubsen zu lassen. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, daß ich mir oft genug wie ein zu klein geratener Riese vorkomme, zu groß um nicht überall aufzufallen und zu klein, um das beständige Gewusel mit stoischer Gelassenheit ignorieren zu können.
 

Von Pingyao aus fuhren wir am Morgen des dritten Tages in einem kleinen, verrauchten Bus mit fürchterlich harten Sitzen nach Taiyuan und von dort aus gleich weiter nach Wutai Shan, einer sehr schönen, Tempel und leider auch Hotel übersäten Bergregion, in die wir zur Abenddämmerung und mit schrecklich schmerzendem Sitzfleisch einfuhren. In der zunehmenden Dunkelheit wehrten wir tapfer die vielen Einladungen anderer Hotels ab und ließen uns zu völlig überteurtem Preis im Taxi durch düstere Seitengassen und vorbei an stinkenden Müllbergen zu der von unserem letzten Hostel vorreservierten Unterkunft fahren. Der unbeleuchtete Eingang in einem heruntergekommenen Innenhof sah wenig verlockend aus, aber der Empfang war freundlich, wenngleich er ohne ein Wort Englisch ablief. Vergeblich versuchten wir der Rezeption klar zu machen, daß wir eine Reservierung hatten, wurden aber recht bald in ein kleines und erstaunlich sauberes Zimmer geführt, wo wir unsere neu erworbenen Fähigkeiten im Handeln zum Besten gaben. Dafür braucht man keine Sprachkenntnisse, das geht immer und in jeder Sprache.
Müde fielen wir ins Bett.
Mitten in der Nacht erwachte ich von Rufen aus denen ich vereinzelt Englische Worte heraushörte, gemischt mit Geräuschen, als ob an einem Tor hantiert wird, jemand über einen Zaun, oder auf den Balkon zu klettern versucht. Die Stimmen klangen herausfordernd, unangenehm. Bibbernd lag ich im Bett und wünschte mir, wir hätten doch ein wenig mehr für eine bessere Unterkunft ausgegeben. Neben mir, Franziska, schlief friedlich weiter, bis irgendwann schimpfende Rufe von der anderen Seite zu hören waren und dann endlich wieder alles still war. Langsam ruhiger werdend übermannte mich die Müdigkeit sehr schnell und ich erwachte erst gegen sechs Uhr morgens wieder von kräftigen Rotz- und Spuckgeräuschen und munteren Rufen, als es auf der Straße begann lebhaft zu werden.
 

Bis auch wir unseren aus dem Bett und einem halbwegs genießbaren Frühstück entgegen gefunden hatten, stand die Sonne schon wieder hoch am Himmel. Dementsprechend anstrengend und heiß war dann auch der erste Anstieg auf eine der vielen Tempelterassen. Die Sicht war leider vom üblichen Grau verhangen, aber die vielen bunten Fähnchen machten einiges wieder wett.
Trotz der hohen Eintrittspreise, die man für die gesamte Region bezahlen muß, fanden wir nirgendwo so viele Bettler, wie auf diesen endlosen Stufen. Direkt daneben mühten sich mindestens genauso viele Mönche, wie Touristen die Treppen hinauf und ich kam mir so fremd vor und war so befangen, von meiner Unkenntnis über diese farbenfrohe, freundliche und anschauliche Religion.
 

In einer Klosteranlage zwang uns hereinbrechender Regen zu einem ausgedehnten Aufenthalt und während wir mit einer Mischung aus Erfurcht und Ahnungslosigkeit ob der Bräuche unter einem Tempeldach Unterschlupf suchten, machte es sich eine ganze, chinesische Familie unter einem anderen mindestens ebenso gemütlich, packte ihr Mittagessen aus und schwatzte fröhlich mit den Mönchen, die daraufhin tütenweise die gesammelten Opfergaben anbrachten, um das Essen ein wenig zu auszuschmücken. Dieser Augenblick war so natürlich, so selbstverständlich, wie so vieles in China. Diese Einfachheit, dieses Hinnehmen der Gegebenheiten ist eines der Dinge, die mich dieses Land immer mehr schätzen lassen.

 

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