Samstag, 22. August 2009

29. Juli: Die weltberuehmen Krieger

Zugfahren ist toll!
Draußen zieht die lebendige Nacht Shanghais an uns vorbei, bis es irgendwann dunkel wird, die Lichter weniger werden und schließlich gänzlich verschwinden. Wir haben es uns auf unseren Betten gemütlich gemacht. In der luxuriösen „Softsleeper“ -Klasse lässt sich das Reisen sehr angenehm genießen. Und bei 15 Stunden Fahrtzeit bis nach Xi'an ist das vielleicht auch ganz gut so.
 

Xi'an empfing uns mit drückender Hitze und unzähligen Menschen. Wer hätte soetwas in China vermutet? Das Hostel hatte einen freien Abholservice vom Bahnhof angeboten und so war ich aufs angenehmste überrascht unter der wartenden Menschenmenge, und unzähligen Schildern mit chinesischen Zeichen aller Größen und Farben ausgestattet, dann tatsächlich meinen Namen groß und deutlich aus den Massen herausleuchten zu sehen. Ein wahrhaft erhebendes Erlebnis! Der Service bestand nun weiterhin darin, vier orientierungslos umherschauende Rucksacktouristen in den nächsten Linienbus zu packen und mit ihnen am anderen Ende der Stadt wieder auszusteigen, um von dort aus zum Hostel zu laufen. Das scheiterte dann auch gleich erfolgreich, als der Busfahrer gerade nach den ersten beiden entschied, der Bus sein nun voll genug und ohne lang zu murren abfuhr. Glücklicherweise blieb der Abholservice bei uns und die anderen Beiden standen dann tatsächlich an der richtigen Haltestelle und warteten.
An diesem Nachmittag erkundeten wir ein wenig die unerwartet große Stadt und fanden endlich das wahre China. Nachdem Shanghai alles daran gelegt hatte, sich als moderne, westliche Handels und Wirtschaftsmetropole zu präsentieren, fanden wir hier alles kunterbunt zusammengemischt. Auch hier reihten sich die westlichen Fastfoodketten aneinander und moderne Modegeschäfte waren alles andere als selten, aber keine zwei Straßen weiter quollen Straßenverkäufer aus allen Ecken, um uns von ihren überfüllten Rikschas aus alles von getrockneten Früchten, über die bekannten chinesischen Pfannkuchen und Wassermelonen, bis hin zu Kalligraphiepinseln, unechten Terrakottakriegernachbauten und Regenschirmen zu verkaufen.
 

Regenschirmen? Wozu denn das? Sahen wir etwa so aus, als würde uns ein Regenschirm noch helfen? Der heranziehende Abend hatte dicke, graue Wolken und düstere Nebelschwaden in die ohnehin dauerhaft diesig, dunstige Stadt getragen, die sich augenblicklich nach einem kleinen Trommelkonzert im städtischen Drumtower über die herausströmenden Besucher ergossen. So hüpften wir von Straßenstandschirm zu Straßenstandschirm, bis die Sinnlosigkeit unseres Tuns allzu offensichtlich wurde und wir es einfach alles über uns ergehen ließen. Gemütlichen Schrittes und von von oben bis unten klitschnaß suchten wir uns den Heimweg durch das endlose Straßennamengewirr zwischen dongcheng, goulong, mingdeng, dschingfeng, schangzhou, jiangfeng,gonglou... am Ende konnten wir fast schwimmen...

 


Der nächste Tag stand im Zeichen der Terrakottaarmee. Wir hatten es gewagt und eine Tagestour gebucht. Dafür wurden wir auch wie richtige Touristen behandelt. Die Reiseleiterin sprach sehr gutes Englisch, was, wie wir später herausfanden, nicht unbedingt selbstverständlich ist. Zuerst gab es ein Museum über die Ausgrabungen der ersten Sieder der Gegend, dann ging es zur Terrakottakrieger- Nachbau- Fabrik, weiter zu einer Seidenfabrik und dann, nachdem wir zum unendlichsten Male allen eifrigen Verkäuferinnen mühsam klar gemacht hatten, daß wir jetzt wirklich keine Seidenfaserbettdecke brauchten, endlich auch zu den Kriegern.
Hier kämpften nun tausende von Touristen um die besten Fotoplätze vor der vorrückenden Armee. Jeder Kriger hatte andere Gesichtszüge, andere Kleidung und es gab tausende, auch von ihnen.
 

Einerseits hatte ich mir vorgestellt, viel näher an die einzelnen Statuen herangehen zu können und sie mir immer vor einer idyllischen, chinesischen Berglandschaft ausgemalt, andererseits war es sicher sinnvoll, sie mit einer riesigen Wellblechdachhalle vor Wind und Wettereinflüssen ebenso zu schützen, wie mit Geländern von den hemmungslos anfasssüchtigen Touristen.
 

Am nächsten Tag lag Franziska mit Bauchkrämpfen im Bett und während sie ihrer Besserung entgegen schlief, machte ich mich auf zum Abenteuer, allein in die riesigen Menschenmassen zu tauchen. Nach anfänglichen Unsicherheiten und der ungewohnten Tatsache, ganz allein entscheiden zu müssen, fühlte ich mich zunehmend wohler und so genoss ich die aufregenden Erlebnisse, zwischen riesigen Baustellen eine als Tempel getarnte Moschee zu suchen und allein Bus zu fahren.
Am Abend stieß ich ganz unverhofft auf ein kleines Straßenfest. In den verschiedenen Ecken des Platzes sangen ein stimmgewaltiger Männerchor, war eine Art Straßenkaraoke mit großer Begeisterung im Gange, oder sangen sich einzelne Sänger ihre traditionellen Lieder zu, bis irgendwann immer wieder alle mit einfielen, während in der Mitte des Platzes etwa 30 40jährige Frauen und Männer in Reihen fächerschwingend Volkstänze zu einem kleinen, plärrenden Kofferradio tanzten.

Am darauffolgenden Tag fuhren wir nach tagelangen Stadtbesichtigungen endlich mal in die Berge. Kegelförmige Kalksteinspitzen lugten aus leichten Dunstwolken hervor. Es war eindeutig einer der besseren Tage. An der Seilbahn standen wir mit nur etwa 2000 anderen Touristen und warteten auch nur etwa eine Stunde.
 

Hier, wie in den Stadtbussen wurde uns die wahre Mentalität der Chinesen bewußt: Wir alle gehören zusammen, aber ich komm zuerst. Das Gedrängel und Geschubse und rücksichtslose im Weg rumlaufen beherrschen die Chinesen bis zur Perfektion und lassen keine Gelegenheit aus, von diesem Können und Denken Gebrauch zu machen. Dementsprechend ging es dann auch auf dem Berg selbst zu. Die Wege waren bis weit an den Horizont überfüllt mit aneinander gereihten bunten Menschenpunkten, und an jedem netten Aussichtspunkt standen sie Schlange, um ein Foto mit sich vor der Landschaft geknipst zu bekommen. Mein Versuch, die Landschaft, die ja wirklich sehr schön ist und sanfte, einsame Ruhe ausstrahlen könnte, ohne Menschen aufs Bild zu bekommen, scheiterte an der tiefgründigen Überzeugung der Chinesen, daß es doch noch schöner sei, wenn auf ihrem Bild außer ihnen selbst auch noch so eine junge, europäische Exotin zu sehen sei, womit sie sich sehr wortreich bei mir unterhakten und mir in die entsprechende Richtung zu lächeln geboten.
 


Wenn überall nur ein Viertel der Menschen zu sehen wären, wie tatsächlich da sind, dann wären es immer noch genug, um zu sagen, es sei ein belebter Ort. Und ein Viertel der Bevölkerung Chinas, ist immer noch die zehnfache Menge der Australischen. Daraus ergibt sich ein völlig neues Gefühl für den Begriff „Mitmenschen“. Aber erst durch die einerseits erlebte, selbstverständliche Rücksichtslosigkeit der Menschen untereinander, bis hin zur hemmungslosen Aufdringlichkeit der Straßenverkäufer und Taxifahrer uns gegenüber, läuft dieser Begriff sehr leicht Gefahr zu einer ungewollten Abneigung heran zu wachsen. Hinzu kommt penetranter Gestank auf den Straßen, gleichgültiges Rülpsen, Furzen und Spucken der Erwachsenen und die selbstverständliche Erklärung der Straße zur Kindertoilette.
Aber meine Eindrücke vermischen sich bereits mit denen aus Luoyang, der dritten, von uns besuchten und mit Abstand unangenehmsten Stadt, die neben dreckigen Straßen und aufdringlichen Taxifahrern aber auch noch ganz andere, faszinierend schöne Erlebnisse zu bieten hatte...

Ach so, die Sonnenfinsternis: Dieses aufregende Ereignis war getrübt von den üblichen dicken Dunstwolken und der Tatsache, daß es vorher eigentlich gar nicht wirklich herauszubekommen war, wann genau diese eigentlch stattfindet. Aber während ich tatsächlich das hereinbrechende Dämmerlicht wahrnehmen konnte, ging das geschäftige Treiben auf den Straßen unbeeindruckt weiter. Eine totale Sonnenfinsternis war für die Chinesen ganz offensichtlich kein Grund, sich in ihrem unerschütterlichen Alltag unterbrechen zu lassen.
 

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