Unter der unerträglichen schwühlen Hitze erkundeten wir am folgenden Tag das Stadtviertel, in das es uns verschlagen hatte. Es waren nur wenige Menschen unter der heißen Sonne unterwegs, die in einer gleichgültigen Gemächlichkeit die Straßen entlang schlurften. Vor den zahlreichen kleinen Geschäften, die sich halb auf den Gehweg ausbreiteten, saßen oder lagen ihre Besitzer und schlummerten vor sich hin, oder wedelten sich mit Fächern müde warme Luft ins Gesicht.
Langsam arbeiteten wir uns zu den Hochhäusern durch, die Shanghais ganzer Stolz sind. Das Geschäftsviertel Pudong ist in weniger als zwanzig Jahren aus dem Boden geschossen und trägt einen großen Teil dazu bei, daß Shanghai heute als das New York Chinas bekannt ist. Durch seine praktische Lage an Meer und Fluß wurde die Stadt sehr bald zu einem Zentrum regen Kulturaustauschs und Handels, was bereits seit meheren Jahrhunderten dafür sorgt, daß sie wirtschaftlich sehr fortgeschritten und dadurch sehr westlich wirkt, worauf die Chinesen natürlich unglaublich stolz sind.
Am Abend, als es endlich begann wieder ein ganz klein wenig kühler zu werden, machten wir uns auf, die Sicht des bis vor kurzem noch höchsten Hochhauses Shanghais, dem JinMao Tower zu bestaunen und wurden mit einem Blick auf die nächtlich beleuchtete und mit hunderten Lichteffeckten hemmungslos verspielt wirkende Großstadt belohnt. Überall blitzen und blinkten die Lichter an den zahlreichen Wolkenkratzern, während die älteren Gebäude überall mit Lichterketten verziert waren.
Am nächsten Morgen hieß es wieder umziehen, in die andere Seite der Stadt, ins richtige Leben. Schon fast routiniert spazierten wir in die U-Bahn, fanden dank der englischen Untertitel auch ohne Schwierigkeiten die richtige Linie und Richtung und bald darauf auch unser neues zu Hause, es war schon fast langweilig einfach. Es folgte ein Besuch in der französischen Konzession, einem schicken Stadtteil mit vielen kleinen Cafes und Designerläden und im Yuyuan (?) Garten, wo wir endlich Gelegenheit bekamen unsere ersten Feilschkenntnisse zu erringen. In auf historisch herausgeputzten traditionell chinesischen Häusern, reihten sich hunderte von kleinen Souvenirläden in nicht enden wollenden Ketten aneinander. Nach dem erfolgreichen Erwerb eines viel zu teuren, aber sehr leckeren Tees, erstand ich noch einen Faächer, der bei diesem Wetter auch tatsächlich hin und wieder zum Einsatz kommt bereits nur noch für ein Viertel des angegebenen Preises. Ein sehr elegantes, traditionelles Satinoberteil lehnte ich trotz beständiger Preissenkungen dankend ab und das, obwohl mir die Verkäuferin bis auf die Straße nachfolgte, um mir ihr anfangs für 26 € angepriesenes Gewand nun bereits für 8 € hinterher zu tragen. Wenn ich es gewollt hätte, wäre ich ehrlich gesagt nicht mal im Traum darauf gekommen, so wenig anzubieten, aber nun weiß ich Bescheid und wehe, wenn bei unserer Ankunft in Peking noch Geld übrig ist...
Mit dem hereinziehenden Abend wurden überall Leuchtketten eingeschaltet, die sich an den Dächern und Brücken entlangzogen. Da konnte nicht mal der Freiburger Weihnachtsmarkt mithalten. Und weil man uns gesagt hatte, daß lange Schlangen ein deutliches Zeichen für gutes Essen seien, erwarben wir nach stundenlangem Anstehen ein leckeres, kleines Abendessen an einem, bis auf die endlose Schlange sehr unscheinbaren Straßenstand. Eine Art gefüllter Pastataschen, in Brühe gedampft. Lecker! Aber, ob ich dafür wirklich nochmal eine gute Stunde in der noch immer drückenden Abendhitze stehen wollte, fiel mir schwer über dem Essen zu entscheiden, denn denken ist bei den Temperaturen nicht gerade die leichteste Übung. Und so werde ich es einfach der nächsten Gelegenheit überlassen das zu entscheiden, oder einfach Franziska vorschicken und mich solange irgendwo auf eine Treppe, oder den Boden setzen und mir müde warme Luft ins Gesicht fächeln, das T- Shirt über den Bauch hochegerollt und ein Handtuch auf dem Kopf. So wie das hier jeder macht.
Für den letzten Tag in Shanghai hatten wir bereits von dem Chinesen in unserem Zimmer gelernt. Er ist am Morgen mit uns und den restlichen Zimmergenossen frühstücken gegangen. Ein kleiner Straßenstand mit zwei wackeligen Tischen und ein paar noch wackeligeren Hockern, die den Gehweg völlig einnahmen. Überall lagen Servietten und Zigarettenstummel auf dem Boden herum, aber das Essen war gut. Nagut, interessant. Eine Art frittiertes Brot, fettig aber lecker und eine undefinierbare Suppe aus einer Art Sojabohnenpudding mit den wüstesten Gewürzen und Gemüsesorten darin. Am Anfang hat das Interesse noch überwogen und ich war kurz davor zu meinen, es sei sogar ganz lecker, aber sehr bald wurde der Geschmack so dominant, daß ich mich wieder von meiner ursprünglichen Meinung abwandte und beschloss, daß es nicht allzu schlimm ist, wenn ich das nicht nochmal zum Frühstück vorgesetzt bekomme.
Daraufhin verkrochen wir uns erst einmal wieder in unsere Betten und lungerten, oder schlummerten den Tag über vor uns hin, bevor wir gegen 5 Uhr nocheinmal aufbrachen. Anlaß war wieder der Chinese, der kurz meinte, er gehe jetzt was essen. Wir sprangen auf und folgten unauffällig. Wieder landeten wir in einem kleinen Straßenrestaurant. Wie einfach es sein kann, essen zu bestellen. Als es langsam Abend wurde, wagten wir uns auch für ein Weilchen länger hinaus und so sahen wir noch einige Einkaufsstraßen, auf die Shanghaianer sehr stolz sind, die für uns aber nur zu vertraut an die großen, europäischen selben erinnern. Nicht nur die Läden und Marken sind die Gleichen, sondern entäuschenderweise auch die Preise. Und wenn man bei H&M anfängt seine neu erworbenen Handelkünste auszupacken, wird man nur abfällig von der Seite angeschaut und weiterhin ignoriert. Spannender ist es dann schon in der in den Metrogängen einen kleinen Kiosk zu suchen und sich dort eine SIM-Karte zu kaufen. Der kleine, chinesische Sprachführer hat alles, was zur grundlegenden Verständigung nötig ist und nachdem Franziska mühsam die richtigen Buchstaben der Lautsprache aneinandergereiht hatte, um nach dem Preis zu fragen, fing der Verkäufer erst einmal an laut zu lachen, drehte sich dann aber um und holte seinen Taschenrechner, um den Preis einzutippen.
Auf dem Heimweg begegneten uns die bisher versteckt gebliebenen Menschenmassen. Mitgenommen vom Strom zogen wir die Straßen entlang, hielten vor chaotischen Unmengen an Motorad, Fahrrad und Taxifahrern an den Kreuzungen und wimmelten unwirsch die vielen kleinen Straßenhändler ab, die uns immer wieder ihre Ware auf kleinen Bildchen anpriesen, die sie uns vor die Nase hielten, während riesige Leuchtwerbetafeln an allen Ecken fröhlich vor sich hin flimmerten. Alle Läden hatten bis nach zehn Uhr geöffnet und waren überfüllt. Hier findet das Leben in der Nacht statt.
Zur Feier des letzten Abends in Shanghai gingen wir abschließend noch in einer sehr eleganten, gemütlichen Bar mit Blick auf die nächtliche Stadt einen Coctail trinken. Als wir gegen eins in unser Zimmer kamen, waren wir die ersten. Für alle anderen hatte der Abend gerade erst begonnen.
Samstag, 22. August 2009
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