Mittwoch, 15. Juli 2009

Entspurt und Abschied

Schließlich zogen wir endgültig in Brisbane ein.
Eine schöne Stadt, trotz ihrer 1.6 Millionen Einwohner wirkte das Stadtzentrum klein und gemütlich. Da wir pünktlich zum Wochenende ankamen, war in den Fußgängerzonen einiges geboten. Kleine Bands belebten die sonnige Wochenendstimmung gerade so gut, wie die Komiker sie zu verwirren verstanden. Überall quollen kleine Märkte aus den Straßen und gaben uns wunderbare Gelegenheit, davon zu träumen, was wir alles kaufen würden, wenn unsere Geldbeutel ein wenig besser gefüttert worden wären.
 

Was der Tag und damit das Stadtbild durch das Wochenende gewann, wurde uns zur bitteren Erfahrung im Hostel wieder genommen. Abgesehen, daß die Rezeption uns ständig unfreundlich und wenig informativ war, die Küche bereits um 9 Uhr abends schloss, und alles einfach furchtbar dreckig war, waren unsere Zimmergenossen sehr erzähl und ausgehfreudig und sahen nicht im Geringsten einen Sinn darin, bei der frühmorgendlichen Rückkehr ihre Unterhaltungslautstärke auch nur im Geringsten einzuschränken, oder gar das Licht auszuschalten, wenn sie dann endlich im Bett lagen.
 

Nach vier mühsam durchschlafenen Nächten und drei wunderschönen, entspannenden Tagen, brachte uns der Flieger schließlich wieder zurück nach Sydney.
Hier hatte unsere Reise begonnen. Hier hatte ich vor vier Monaten gastanden und mich staunend in der riesigen Stadt umgeschaut, mich gefragt, wohin mich diese Reise führen würde, ob es eigentlich Ziele gebe, denen ich auf diesem Weg nachgehen könnte und konnte mir bei all dem überhaupt nicht vorstellen wirklich für eine so lange Zeit unterwegs zu sein, weg zu sein, von allem, was mir bekannt und vertraut war und auch ständig unterwegs, ohne der Gelegenheit mich mit dem Neuen vertraut zu machen, außer mit dem Reisen selbst.
Nun saß ich wieder auf den Treppen der Sydney Oper und habe mich gelassen umgeschaut, alles war bereits gesehen, alles nicht mehr ganz so glänzend, die Sonne schien nicht mehr ganz so hell, nicht mehr ganz so warm ( es ist ja immerhin auch Winter geworden) und das Reisen schien mir mittelerweile so selbstverständlich, so natürlich und ließ die ehemals vertraute Welt zu Hause noch ferner und fremder erscheinen.
Und nun soll ich auch Australien wieder verlassen. Das warme, trockene, so rote und gleichzeitig so grüne Land, die Gelassenheit, die Offenheit, die neu gewonnene Vertrautheit. Langsam, aber beständig schoben sich dicke, schwere Regenwolken vor die Sonne und verdunkelten den frühen Abend.
Nun ist später Abend und höchste Zeit die Sachen zu packen.
Ich habe mich oft auf das Neue und Kommende gefreut, auf China, aber jetzt, so unmittelbar vor dem Abschied merke ich, daß ich mehr mitnehme, als ein paar schöne Bilder und Erinnerungen. Ich nehme auch die Sehnsucht mit, nach dem tiefen Rot der Wüste, nach der Einsamkeit und der unendlichen Ruhe der Natur, nach der offenen Freundlichkeit der Menschen und die tiefe Trauer loslassen zu müssen, wieder einmal weiter zu gehen, ohne zu wissen was mich erwartet.
 

Montag, 13. Juli 2009

Fraser Island

Das Hostel in dem wir vorangehende und nachfolgende Nacht verbrachten war jedenfalls sehr lobenswert! Das muß hier einfach mal gesagt werden, denn vielleicht ist es nicht für jeden ganz verständlich wie wichtig soetwas werden kann. Seit fast vier Monaten verbringen wir selten mehr als zwei, oft sogar nur eine einzige Nacht am gleichen Ort. Vieles ist annehmbar, manches sogar recht schön, aber überall fehlt auch etwas zur gänzlichen Zufriedenheit. Da ist das Zimmer zu vollgestopft und klein, dort sind die Betten wackelig und quietschen, beim wieder nächsten sind die Matratzen hoffnungslos durchgelegen und man hat das Gefühl die kleinen, fiesen Federn winden sich bis direkt in die Knochen, oder es gibt überhaupt erst gar keine Federn und man ist noch froh, wenn ein gerades Brett die Schaumstoffmatratze hält und nicht ein paar verloren wirkende Eisenstangen. Anderswo wiederum ist die Küche zu klein für zu viele Gäste, oder miserabel ausgestattet, so daß man den Tee aus Müslischüsseln trinkt und Spaghetti mit Messern ißt und stundenlang den Reis über einer viel zu kleinen Flamme kocht, während das Gemüse schon lange wieder kalt geworden ist, weil es nur eine einzige Kochplatte gibt, die man überhaupt mit viel gutem Zureden dazu bringen konnte, uns ihre spärliche Wärme zu spenden. Und an manchen Orten wird man schlicht und einfach mit jedem der beständigen Baßpulse aus dem direkt darunter liegenden Pub aus der Matratze gehoben.
Und nach all solchen Erlebnissen ist es unheimlich angenehm, wenn man zur Abwechslung einmal von einer freundlich, ruhigen Person begrüßt und eingewiesen wird und dann über den sauberen Hinterhof über eine kleine Holztreppe zu einer gemütlichen Wohnung geführt wird in dessen Zimmern jeweils so zwei bis vier Betten stehen, die frisch gemacht und sehr bequem sind und alles eigentlich fast so wirkt, als würde man nach Hause kommen. Die helle Küche ist mit Parkettboden ausgestattet, die gemütliche kleine Sofaecke mit stilvollen Bildern und einer beachtlichen Sammlung anspruchsvoller DVD's und selbst das Bad ist sauber, hell, geräumig und alles einfach ganz wunderbar. Und das Ganze auch noch zu einem sehr freundlichen Preis. Es hat sich den Namen „The Friendly“ wirklich redlich verdient.
Am Abend habe ich mit dem kostenlos geliehenen Rad noch einen kleinen Abstecher zum Strand gemacht, bis bereits gegen 17 Uhr 30 die Sonne unterging und mich zum Umkehren zwang und dann ging es am folgenden Morgen endlich los.

Drei riesige Busse zogen am frühen Morgen gleichzeitig durch den kleinen Ort, trafen sich am Hafen und verschifften sämtliche Passagiere auf die Fähre, die uns zur Insel brachte. Von dort aus wurden wir wieder auf Busse verteilt. Diemal waren es vier robuste Geländebusse mit Allradantrieb, denn die dortigen Straßen bestanden, wie die gesamte Insel vorwiegend aus Sand.
Sand blieb dann auch das Motto der folgenden zwei Tage.
Über sandige Straßen ging es direkt an den Strand, der dort in erster Linie als Hauptstraße fungierte, und weiter zu unserem ersten Ziel. Eifrig wateten 40 Touristen die sandigen Wege entlang, hinauf auf eine riesige Sanddüne, hinter der sich ein tiefgrüner See versteckte. Doch kurz bevor sich die ersten Übermütigen die verlockend steile Düne hinunter und direkt in den See stürzen konnten, wurde uns leider genau das verboten. Der Busfahrer hatte wohl (völlig unverständlicherweise) keine Lust 20 Leute mit an Steinen, die sich angeblich hinterlistig direkt unter der Wasseroberfläche versteckten, eingerannten Köpfen aus dem Wasser zu zerren und über die sandigen Wege zurück zum Bus zu schleppen. Vielleicht aber wollte er auch einfach nur ein paar möglichen Herzattacken vorbeugen, denn das Wasser war für von Nordaustralien verwöhnte Seelen unerwartet kalt. Hinzu kam, daß das Wetter ausnahmsweise mal nicht ganz unserem Seelenzustand entsprach und sich dicke Wolken vor die Sonne geschoben hatten. Auf Sandwegen ging es zurück zum Bus und weiter zum Mittagessen und von dort aus direkt zum nächsten See, dem berühmten Lake Macanzie.
 

Hier war einfach alles total toll. Der Sand ist so weiß, daß sogar Franziska stolz feststellen konnte, daß sie gut gebräunt mehr Farbe bekommen hat, als der Sand. Ich könnte daneben glatt als halber Aboriginie durchgehen. Ich konnte mich natürlich nicht zurückhalten und bin trotz zurückhaltender Sonne bald im Wasser untergetaucht. So klar, so farblos, so wunderschön. Das weiß des Sandes ging langsam in hellstes türkis über, bis es in der Mitte des Sees tiefstes, klarstes, sauberstes Schwarz wurde. So entschlossene Klarheit ist mir noch nie begegnet. Es war ein wunderbares Gefühl, sich darin so frei bewegen und baden zu können.
Der Busfahrer hatte versprochen, daß die Kräfte des Sees gesundend und verjüngend wirken würden. Als er mich danach fragte, ob ich baden gewesen sei und ich bejahte, fragte er, ob mich das jetzt so zwölf Jahre jung machen würde. Es hatte also ganz eindeutig schon begonnen zu wirken.
Da es hier ja zur Zeit leider schon gegen sechs Uhr dunkel ist, blieb nur noch Zeit für einen kurzen Spaziergang, entlang des stillen Baches, der so genannt wird, weil er keine Geräusche verursacht, was wiederum daran liegt, daß keine lauten Steine im Weg rum liegen, er nämlich ausschließlich über Sand dahingleitet. Außer still war er auch wieder so glasklar, daß ich ihn kaum wahrgenommen hätte, wenn nicht gerade diese Unscheinbarkeit so anziehend auf mich gewirkt hätte. Ach ja, und wenn nicht 39 andere Menschen mit ihren Kameras überall neben mir aufgetaucht wären.
 

Den nächsten Morgen begann ich mit einer Runde Tennis. Es gab auf der Anlage einen Tennisplatz und ich hatte tatsächlich einen Mitreisenden erfolgreich überzeugen können morgens um 7 Uhr mit mir eine Runde kleinen gelbgrünen Bällen hinterher zu rennen. Während ich mich mühsam aus dem Bett quälte, um vorher noch einen kleinen Happen zu essen, hatte er schon Zeit gehabt sich auf einer Runde Strandjoggen den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ich eventuell einem Tennisclub angehören würde, worin ich ihn aber nach wenigen Bällen erfolgreich vom Gegenteil überzeugen konnte. Nach einem zweiten, augiebigeren Frühstück ging es auf und entlang dem Strandhighway bis zum bitteren Ende. Wo genau das war, blieb bis zum Schluß sehr spannend, denn es war gerade Flut und von meinem Copilotensitz, den ich glücklicherweise zugewiesen bekommen hatte, sah ich, was andere vielleicht ganz froh waren nicht so genau mit zu bekommen. Das Wasser kam näher und näher und hin und wieder mußten wir den herannahenden Wellen kampflos die Vorfahrt lassen. Manchmal auch anderen Autos, die ich dann beobachten konnte, wie sie sich hin und her und auf und ab über die Sandpisten schüttelten, aber auch der Bus schaffte es immer wieder weiter und so kamen wir nach einem Zwischenstop an einem kleinen, klaren und erstaunlich warmen Bach an einem tollen Aussichtspunkt heraus, dessen Name mir leider schon wieder entfallen ist.
Hier hilft wirklich nichts, als einfach Bilder sprechen zu lassen:
 

Der immer häufiger und stärker werdende Regen machte es leider zunehmend schwerer, die folgenden Ausflugspunkte zu genießen. Unter Regenjacken besuchten wir kleine Natursteinpools, in die das Meer wellenweise Schaum hineinspülte, die Champagnepools genannt, auf dessen Badeerlebnis ich dann aber zitternd vor Kälte großzügig verzichtete und mit Trotz und heimlicher Entäuschung feststellen mußte, daß es Menschen gab, diemeine eigene Badefreude noch übertrafen allem Wetter zum Trotz munter in ihre Badehosen und von dort beherzt ins Wasser sprangen.
Auf dem langen Rückweg fuhren wir an den verschiedensten Farben des Sandes vorbei. Leider war es nasser Sand, denn mittlerweile regnete es in Strömen.
Aber wie ich glücklicherweise feststellen konnte, war diese sandige Farbenpracht nur ein kleiner Vorgeschmack zum Rainbow Beach, an dem wir den nächsten Nachmittag verbrachten und über dem zu allem farbigen Übermut auch noch ein prächtiger Regenbogen auftauchte und uns bis in die frühen Abendstunden Gesellschaft leistete.
 


 


Aber das war ja schon wieder am nächsten Tag, nach der Fahrt zurück zur Fähre, die uns zurück zu den 3 riesigen Bussen brachte, welche wiederum durch die kleine Stadt streifend sämtliche Touristen in ihre Unterkünfte zurück brachten und frisch geknüpfte Freundschaften mit nichts als email Adressen zurückließen.
Und auch wenn mich die Gruppengröße aus der man sich nicht entziehen kann, unweigerlich an die Zeit in NZ und der heiß geliebten Kiwi-Experience erinnerte, so war es doch ein schönes, vielseitiges und gesellschaftlich absolut positives Erlebnis.
 

Samstag, 11. Juli 2009

Die Ostküste Richtung Winter

Wer hätte es gedacht, ich lebe noch. Schlangen, Haie und sogar Krokodile haben mich wieder einmal verschont und das, obwohl ich wie versprochen an unserem letzten Tag auf Magnetic Island noch einmal beherzt ins kühle Naß gesprungen bin, glücklich planschend sogar einige Minuten den Wellen nachgejagt bin, bevor ich mit stolz geschwellter Brust wieder an den sicheren Strand zurückgewatet bin. Aber all diese tapferen Taten konnten mir nicht einmal einen anerkennenden Blick des hübschen Rettungsschwimmers eintragen, der in sicherer Entfernung über all mein Tun wachte. Der Blick kam erst später, als ich ein wenig hilflos auf der Suche nach einer Toilette über den Strand irrte. Aus der Nähe betrachtet, dachte ich mir dann allerdings, er könne sich doch lieber mal wieder ein wenig aufs Wasser konzentrieren und seinen Job ernst nehmen.
Später am Nachmittag wurde ich noch wagemutiger. Der Rettungsschwimmer hatte längst Feierabend, als ich Taucherbrille und Schnorchel auspackte und mich damit bewaffnet noch ein zweites Mal in die Fluten stürzte. Unter mir tauchten keine, bunte Fische auf und bald auch die ersten Korallen. Hin und wieder steckte ich meinen Kopf aus dem Wasser um zu sehen, wie weit ich schon gekommen war und ob noch andere in meiner Nähe schwammen und jedes Mal wurde ich ein wenig unschlüssiger und brauchte meinen gesamten Mut, nicht auf der Stelle wieder umzukehren. Dann sah ich einen Rochen, in der Farbe des Sandes, hatte ich ihn anfangs gar nicht wahr genommen. Er war riesengroß und die spitz auslaufende Schwanzflosse noch einmal solang, wie das ganze restliche Tier. In einer aufgeregten Mischung aus Respekt und Interesse folgte ich ihm eine Weile in der sicheren Überzeugung, mich Richtung Strand zu bewegen. Irgendwann steckte ich dann aber doch mal wieder kurz den Kopf aus dem Wasser. Das hätte ich besser nicht tun sollen. Die unerwartete Ferne des Strandes warf ein sehr unangenehmes Gefühl von Einsamkeit über mich, ließ mich jeden Mut machenden Vernunftgedanken Hals über Kopf über Bord werfen und mich ohne überflüssiges Gedankengut auf den direkten Heimweg begeben.
Weniger aufregend, aber genauso schön war eine Wanderung über das Landesinnere der Insel. Der subtropische Regenwald, der hier praktischerweise auch oft trockener Regenwald genannt wird, war nicht mehr so dicht und dunkel, sondern erinnerte schon wieder viel eher an den trockenen, lichten Busch der Blue Mountains. Hohe, helle Eukalyptusbäume wechseln sich in respektvollem Abstand mit Farnbäumen und Palmen aller Art ab, die heiße Sonne, die überall problemlos ihren Weg durch das Unterholz findet, wärmt rotgraues Gestein und trockenblasse Gräser und obwohl ich aufmerksam hinter jeden Stein lugte, konnte ich keine einzige Schlange finden, auf die dann mal versehentlich hätte drauftreten können, um herauszufinden, ob sie nun die eine giftige Variante ist, oder nicht. Wenn ich mal nicht den Blick auf den Boden fixiert hatte, suchte ich mit ähnlicher Sorgfalt die unzähligen Eukalypusbäume ab, in der Hoffnung einen Koalabären ausfindig zu machen, aber auch da hatten wir keinen Erfolg. Auch dann nicht, als wir einen einheimischen Wnaderer trafen, der uns ganz enthusiastiwch den halben Weg nochmal zurück schleppte, an einen Ort, an dem er am Tag zuvor noch ganz sicher einen gesehen hatte. Den Koala fanden wir nicht, aber nachdem er, wie viele andere vor ihm auch schon, heraus gefunden hatte, daß wir weder aus Irland noch verwandt waren, erzählteer uns trotzdem ein paar Lebensgeschichten; eigene aus seiner Zeit als Pilot in China und die eines Freundes aus dessen Zeit als Pilot in Deutschland. Kurz nachdem sich auch seine mittlerweile eingetroffene Frau an zunehmend an der Unterhaltung zu beteiligen begann, wurde diese dann aber sehr aprupt von einem kennerischen Blick auf den schon reichlich tiefen Sonnenstand unterbrochen, nach welchem er uns mit wenigen, hastigen Worten verabschiedete und entschlossenen Schrittes davon eilte. Seine Frau quittierte diese Eile nur mit einem liebevollen „so ist er halt“- Lächeln, brachte das Gespräch gemütlich zum Abschluss und folgte dann gelassen dem längst aus dem Blickfeld verschwundenen Gatten.
 

Alos, was die Tierwelt Australiens angeht, so glaube ich langsam dieses ganze Theater um die überall lauernden Gefahren, die dann mit allen Mitteln der Kunst wieder entkräftet zu werden versucht werden, gehört einfach mit zum Marketing des ganzen Abenteuertourismus, der das ganze Land beherrscht und Jahr für Jahr erfolgreich tausende von jungen, abenteuerlustigen Touristen nach Australien lockt. In Wirklichkeit sind diese ganzen Gefahren sicher alle schon längst ausgestorben (vielleicht bis auf ein paar Vorzeigemodelle in den Zoos) und die Tierwelt wird schon längst nur noch von Kaninchen und Possums beherrscht. Das würde dann auch erklären, warum die Australier selbst so gelassen in jedes Meer hüpfen, das sie finden können, furchtlos mitten im Outback campen und und uns angsterfüllte, übervorsichtige Fremde nur halb mitleidig, halb belustigt belächeln. Und damit wir nicht übermütig werden und ihnen auf die Schliche kommen, erfinden sie alle Jahre mal wieder eine kleine Horrorgeschichte über irgendeinen übermütigen Touristen, der irgendwo im Wald verschollen ist und von dem man dann erst Jahre später ein paar Überreste gefunden hat, oder der an einer unmögliche Stelle schwimmen gegangen ist, wo doch jedes Kind weiß, daß es dort Haie gibt, aber der eben nicht auf die Ansässigen hat hören wollen und nun eben verschwunden ist. Naja, selbst Schuld eben. Ist doch klar. Und so halten sie uns auf Trab, die Australier und das mit Erfolg! Auch ich überlege schon jetzt wieder, wann ich es mir frühestens wieder werde leisten können hierher zu kommen, denn langsam aber sicher geht unsere Zeit hier zu Ende. Mit jeder Busfahrt wird es kälter und wir kommen dem winterlichen Brisbane näher. Nach Magnetic Island verbrachten wir noch zwei faule Tage im langweiligen Mackay, schliefen viel, kurierten die Erkältungsreste aus, frequentierten stundenlang und täglich McDonalds, weil es da kostenloses Drahtlosinternet gibt
 

und kamen nach einer verdammt kurzen Nacht in Rockhampton, nach der ich mich problemlos erfolgreich als Reiseroutenplanerin für Australien in jedem deutschen Reisebüro bewerben kann (was bei dem oben beschriebenen überaus erfolgreichen Tourismusmarketing durchaus eine Überlegung wert wäre) in Hervey Bay an, von wo aus unsere Tour auf das viel gelobte Fraser Island startete.
 

Freitag, 3. Juli 2009

Magnetic Island

Windspiele klimpern verspielt vor sich hin, die träge Nachmittagssonne blinzelt durch Palmenblätter, ein frischsanftes Lüftchen aus den nahen Hügeln auf dem Weg zum Meer streicht mir warm um die Nase, ganz fern hört man das eine, oder andere Auto vorbeituckern, Franziska döst in der Hängematte vor sich hin und die einzige Aufgabe des Tages liegt darin, das Abendessen zuzubereiten.
Ich wage es ja kaum zu sagen, aber auch das kann wwoofen sein.
 

Nachdem wir uns heimlich schon damit abgefunden hatte, nun erstmal ein wenig Urlaub zu machen und weiter im Süden des Landes nocheinmal unser Glück mit der Arbeit versuchen wollten, wurden wir ganz unversehens von einer kleinen Insel, nur etwa acht Kilometer vor Townsville wie magisch angezogen. Vielleicht ging es auch schon anderen vor uns ganz ähnlich und diese geheimnisvolle Anziehungskraft hat der Insel ihren Namen, Magnetic Island, gegeben.
 

Hier sitzen wir nun im Garten einer herzlichen, lieben alten Dame, der man ihre 80 Jahre nur schwer abnimmt. Sie hat nur sehr selten Wwoofer und genießt diese Gesellschaft ganz offensichtlich. Sie behandelt uns viel eher wie einen seltenen Besuch und es ist ehrlich gesagt gar nicht so einfach ihr ernsthafte Arbeit zu entlocken. Sobald wir es aber geschafft haben und mit vollem Elan Bananenbäume aus dem Hintergarten sägen, oder ein wenig das Gras bürsten, oder gar ein paar Ingwerpflanzen ausgraben, um an die kostbaren Wurzeln zu kommen, kommt sie alle halbe Stunde hinaus, um uns zu fragen, ob wir nicht bald mal eine Pause machen wollen und eine Tasse Tee trinken, und daß wir uns bitte auf keinen Fall überarbeiten sollen.
Unser beider Immunsystem, wie alles andere scheint auch dieses sich im Verlauf der vergangenen Monate synchronisiert zu haben, hat sich dann auch gleich für uns mit gefreut und ist ebenfalls ein bißchen auf Tauchurlaub gegangen. Und so sitzen wir nun schniefend und krächzend herum und schaffen es nicht einmal mehr, die einfachsten Arbeiten zu erledigen. Das heißt, wohl würden wir sie tätigen, wenn wir nicht von der ehemaligen Krankenschwester strengstens davon abgehalten würden. Nun könnte das alles ja ganz toll und entspannend sein, wenn sich nicht irgendwo in der Ferne ein durchaus noch vorhandenes schlechtes Gewissen regen würde und mir jeden Tag deutlicher klar macht, daß diese dekadente Faulheit wirklich nicht die feine Art ist. Aber was soll ich tun? Nachdem ich heute zum dritten Mal zu ihr kam, um wenigstens ein klein wenig Arbeit zu erbetteln, war alles, was ich heraushandeln konnte, die Zubereitung des Abendessens.
Unsere wichtigste Aufgabe aber, die sie uns auch problemlos zutraut, scheint das Zuhören zu sein. Und so sitzen wir gern stundenlang auf der gemütlichen Terasse und lauschen ihren endlosen, aber nie langweiligen Erzählungen und lernen dabei eine Menge. Allem voran natürlich, wie ungefährlich die hier auf der Insel hausenden Tiere eigentlich sind. Haifische sind im Grunde überhaupt nicht an Menschenfleisch interessiert, das ist ihnen eh zu groß und sperrig, weshalb sie sich auch nur äußerst selten in Strandnähe verirren. Der Steinfisch, der hin und wieder mal, auch eher aus Versehen, ein Bein, oder Arm abbeißt, mag ebenfalls lieber tieferes Wasser. Die tödlichen Kastenquallen schwimmen nur zwischen Februar und Mai hier herum und sind deshalb im Moment überhaupt keine Gefahr. Von den zehn verschiedenen Schlangenarten auf der Insel ist eigentlich nur eine wirklich giftig und diese ist wohl auch eine besonders faule Artgenossin, die sich nur wehrt, wenn man versehentlich drauftritt, aber im sonstigen Allgemeinen recht wenig Interesse am Menschen zeigt, die Wasserschlangen sind nur im Oberkiefer giftig und damit auch vollkommen ungefährlich. Völlig logischerweise! Ach, und die Krokodile, das ist eine andere Sache... Die sind natürlich schon schnell und tödlich und so, aber auch eigentlich nur, wenn sei Hunger haben und selbst dann vergnügen sie sich viel lieber an kleinerem Getier, wie Hunden, oder Kindern, die sind nämlich leichter zu zerteilen. Also, auch da herrscht überhaupt keine Gefahr. Na dann, worauf warten wir noch? Ab ins Wasser!
 

Vorgestern waren wir ein wenig die Insel erkunden und haben drei wunderschöne, fast unberührte Strände gefunden. Wir haben mutig unsere Badeanzüge angezogen und sind noch mutiger, wenn auch schon langsamer in das verlockend klarblaue, angenehm erfrischende Wasser gewatet. Am ersten Strand haben wir es bis zu den Fußknöcheln geschafft, am zweiten, bis zu den Knien und am dritten sogar bis zur Nasenspitze. Aber nur ganz kurz, bevor uns die unheimliche Ungewissheit doch immer wieder in erstaunlichem Tempo an der Strand zurück beförderte. Aber wenn wir wieder gesund sind, starten wir auf jeden Fall noch einen zweiten Versuch. Ganz bestimmt!
 
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Harte Arbeit auf der Outbackfarm

Aber es fuhr ja noch einer. Drei Stunden später. Eine Verspätung, die man hier in Australien locker in Kauf nimmt. Zumindest hat man uns erfolgreich den Eindruck vermittelt, daß dem so sei und geduldig auf unsere Ankunft gewartet, um uns noch weitere 40 km ins Landesinnere mitzunehmen, abegeschieden von Internet und Handyverbindungen, drei km entfernt vom nächsten Tante- Emma-Laden mit Telefon, aber dafür mitten in einer wunderschönen Umgebung, mit Weitblick auf die fernen Bergen, mit roter Erde und einem kleinen Damm, in dem man sorgen- und krokodilfrei nach Herzenslust schwimmen gehen kann, was ich natürlich fleißig ausnutzte.
 

Tja, und wären wir nicht zum arbeiten da gewesen, hätte es uns wohl noch besser gefallen. Hier drehte sich alles um die legendäre Sweetpotato. Ob es nun darum ging sie aus dem Boden auszugraben, zu waschen und sortieren, ihre Ableger zu schneiden, um diese erneut einzupflanzen, oder einfach nur, sie in einer neuen Kreation in den Kochtopf zu werfen, um vorzutäuschen die tägliche Beilage sei eine einmalige Neuigkeit und exotisch, fremde Spezialität. Und während mir das erstere einige Rückenschmerzen verursachte, sorgte das das letztere für nicht unerhebliches Kopfzerbrechen. Freitags allerdings war alles anders. An diesem Tag stand alles unter dem Zeichen der Vorbereitung des Marktes am folgenden Tag. Zu Ehren des Salates, der am besten vor Sonnenaufgang gepflückt wird, standen wir um sieben auf dem Feld (zum Glück ist hier gerade Winter) und tauchten unsere Köpfe in das noch nasse Unkraut nach ein paar, etwas verloren wirkenden Salatblättern. Mit dem weiter fortschreitendem Tag füllten sich die Körbe außerdem noch mit Tomaten, Paprika, Zuchini, Limetten, Papaya und Passionsfrüchten. Das mag ja alles nach einer gemütlichen Arbeit klingen, aber als Europäer im australischen Outback wird sogar das Früchtepflücken zum unheimlichen Abenteuer.
 

In den niedrigen Limettenbäumen lauern unzählige Spinnen, in die man nichtsahnend hineinspazieren kann und, was noch viel gruseliger ist, auch dann, wenn man von ihnen weiß, nicht wirklich umgehen kann, denn die grünen Früchte wollen ja trotzdem geerntet werden. So hängt man sich an die, mit gemeinen Stacheln ausgestatteten Äste und taucht durch das spinnennetzdurchwobene Unterlaub, um den kaum erkennbaren grünen Früchten im grünen Laub zu Leibe zu rücken. Die Passionsfrüchte hingegen strahlen in einem unverkennbaren, tiefen Rot aus ihren Verstecken hervor. Nur leider verlässt sie kurz nach der Reife jegliche Kraft, so daß sie vorwiegend im etwa schulterhohen Gras zu suchen sind. Gras, das ich, wenn ich eine Schlange wäre, allen andern Orten unbedingt bevorzugen würde. Aber man lernt die mögliche Gefahr zu ignorieren und geht pflichtbewußt seiner Arbeit nach, wischt sich genervt die Spinnweben aus dem Gesicht und sammelt sich nach den Grastauchgängen immer wieder geduldig die tausend kleinen Kletten von den Kleidern und Haaren. Und während über dem Damm langsam die Sonne untergeht, begreift man allmählich, daß man schon wieder weit länger, als die eigentlich ausgemachten vier bis sechs Stunden gearbeitet hat und ist dennoch dankbar, daß man an diesem Tag nicht stundenlang auf dem Traktor hat stehen müssen, um in pausenloser Hektik störrisches Gestrüpp von Erde und Erde von Süßkartoffeln zu trennen und diese dann aus dem ständig aufgewühlten Staub zu lesen und in hinter einem wartende Händen zu legen hatte, während leise die Schmerzenstränen vom ständigen Bücken unter der Sonnenbrille davonlaufen und verräterische Spuren im staubverschmierten Gesicht zurücklassen.
In den freien Stunden, die sich dennoch immer wieder dazwischen schoben, habe ich mich dem Reparieren der Farmgitarre gewidmet. Sicher bin ich um einiges robuster zu Werke gegangen, als es sich für ein so zartes Instrument gehören würde und ich sollte besser keinem Gitarrenbauer davon berichten, aber es war auch ein Instrument, an dem man nicht mehr viel kaputt machen konnte und so hab ich mich mit Säge, Superkleber und Hammer ordentlich ausgetobt und am Ende sogar wieder darauf spielen können, was ich nach der langen Entbehrungspause auch ausgiebigst genutzt habe. Soweit ich mich nach Sonnenuntergang noch dazu in der Lage sah.
 

Außer uns waren noch acht andere Helfer da. Motivierte, selbstbewußte Frauen, die es sich hier schon recht häuslich eingerichtet hatten. Als Neuling hatte man nicht ganz unerheblich zu kämpfen, um einen halbwegs angemessenen Platz in ihrer Gesellschaft zu erringen. Selten bekam man eine neue Arbeit erklärt und wenn, dann mit einem sehr deutlichen Hinweis darauf, daß man sie damit von ihrem eigenen Fleiß abhält und damit gegen das Allgemeinwohl der Gruppe arbeitet. Ich war ganz überrascht von mir selbst, wie egal mir das war, fragte fleißig weiter und fühlte mich unverschämter Weise auch noch recht bald sehr wohl an diesem Ort. Ein Blick in die Landschaft brachte mich immer wieder zur Ruhe und Gelassenheit zurück, die ich in Alice Springs kennen und lieben gelernt hatte, es gab einen kleinen See, in dem man jederzeit ein paar erfrischende Züge tun konnte und ich hatte eine Gitarre. Wenn es nach mir gegangen wäre, wären wir bis zum Ende unserer Arbeitszeit Anfang Juli geblieben. Franziska konnte ich auch überreden, daß wir es hier ohne großer Schwierigkeiten noch ein paar Tage aushalten und so entschieden wir uns den anderen Platz, zurück im Regenwald, den wir noch hätten haben können, abzusagen.
Irgendjemand allerdings schien anderer Meinung zu sein und eines schönen Montag morgens fanden wir uns dem Farmer gegenüber wieder, der uns in ruhiger, lässiger Stimme, mit der er uns für gewöhnlich fragte, ob wir gut geschlafen hätten, diesmal fragte, ob es uns was ausmachen würde, wenn wir gehen würden. Er würde so in einer Stunde in die nächstliegende Stadt fahren und könnte uns mitnehmen.
Es kostete einige geistige Präsens, nicht einfach zu antworten, danke gut, und selbst? Und einige weitere geistige Anstrengung wirklich zu kapieren, daß wir soeben auf völlig undankbare und gleichgültige Weise raus geschmissen worden waren. Soetwas hatte das ach so freundliche und lässige Australien also auch zu bieten.
Völlig unerwartet und unvorbereitet fanden wir uns keine zwei Stunden später mit zwei weiteren verzweifelten Seelen in Mareeba wieder, einem wirklich kleinen und wirklich langweiligen Ort, etwa 60 km landeinwärts von Cairns und hatten noch 51/2 Stunden Zeit, bis der Bus fuhr.
Vergeblich telefonierten wir wild in der Gegend rum, um für die nun verlorene Woche noch einen Platz zu finden. Aber was für uns nur eine unangenehme Zwischensituation war, war für die anderen beiden nahezu ein Existenzproblem. Ohne Geld waren sie auf die Farm gekommen. Auf ein zweites Visa wartend waren sie zu etwa 10 Wochen landwirtschaftlicher Arbeit verpflichtet und somit auf diesen Platz angewiesen gewesen und hatten nun nicht mal mehr Zeit bekommen, sich um einen neuen Platz zu kümmern.
Wir beschlossen leichter Hand unseren Urlaub vorzuziehen und zu sehen, ob uns auf dem Weg nach Brisbane nochmal ein wenig Arbeit über den Weg läuft, kauften uns ein Busticket und verschwanden nun endlich endgültig aus der kleinen, überfüllten und wirklich unspektakulären Stadt Cairns.
Das war ein gutes Gefühl. Wieder auf Reisen zu sein. Unabhängig und spontan am Morgen den Tag zu planen, im Bus die vertraut gewordene Landschaft an sich vorbei ziehen und sich langsam verändern zu sehen. Und während im Bus ein Film gezeigt wurde, der etwas übermütig damit beschäftigt war zu zeigen, daß Haie eigentlich ganz niedliche, liebenswerte Kuscheltiere und überhaupt gar nicht gefährlich sind, konnte ich mich gar nicht recht auf die draußen vorbeirauschende, wunderschöne Natur und die vorbeiziehenden Gewässer konzentrieren, um zu schauen, ob ich vielleicht ein kleines Krokodil vorbei schwimmen sehe.
 
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