Freitag, 3. Juli 2009

Harte Arbeit auf der Outbackfarm

Aber es fuhr ja noch einer. Drei Stunden später. Eine Verspätung, die man hier in Australien locker in Kauf nimmt. Zumindest hat man uns erfolgreich den Eindruck vermittelt, daß dem so sei und geduldig auf unsere Ankunft gewartet, um uns noch weitere 40 km ins Landesinnere mitzunehmen, abegeschieden von Internet und Handyverbindungen, drei km entfernt vom nächsten Tante- Emma-Laden mit Telefon, aber dafür mitten in einer wunderschönen Umgebung, mit Weitblick auf die fernen Bergen, mit roter Erde und einem kleinen Damm, in dem man sorgen- und krokodilfrei nach Herzenslust schwimmen gehen kann, was ich natürlich fleißig ausnutzte.
 

Tja, und wären wir nicht zum arbeiten da gewesen, hätte es uns wohl noch besser gefallen. Hier drehte sich alles um die legendäre Sweetpotato. Ob es nun darum ging sie aus dem Boden auszugraben, zu waschen und sortieren, ihre Ableger zu schneiden, um diese erneut einzupflanzen, oder einfach nur, sie in einer neuen Kreation in den Kochtopf zu werfen, um vorzutäuschen die tägliche Beilage sei eine einmalige Neuigkeit und exotisch, fremde Spezialität. Und während mir das erstere einige Rückenschmerzen verursachte, sorgte das das letztere für nicht unerhebliches Kopfzerbrechen. Freitags allerdings war alles anders. An diesem Tag stand alles unter dem Zeichen der Vorbereitung des Marktes am folgenden Tag. Zu Ehren des Salates, der am besten vor Sonnenaufgang gepflückt wird, standen wir um sieben auf dem Feld (zum Glück ist hier gerade Winter) und tauchten unsere Köpfe in das noch nasse Unkraut nach ein paar, etwas verloren wirkenden Salatblättern. Mit dem weiter fortschreitendem Tag füllten sich die Körbe außerdem noch mit Tomaten, Paprika, Zuchini, Limetten, Papaya und Passionsfrüchten. Das mag ja alles nach einer gemütlichen Arbeit klingen, aber als Europäer im australischen Outback wird sogar das Früchtepflücken zum unheimlichen Abenteuer.
 

In den niedrigen Limettenbäumen lauern unzählige Spinnen, in die man nichtsahnend hineinspazieren kann und, was noch viel gruseliger ist, auch dann, wenn man von ihnen weiß, nicht wirklich umgehen kann, denn die grünen Früchte wollen ja trotzdem geerntet werden. So hängt man sich an die, mit gemeinen Stacheln ausgestatteten Äste und taucht durch das spinnennetzdurchwobene Unterlaub, um den kaum erkennbaren grünen Früchten im grünen Laub zu Leibe zu rücken. Die Passionsfrüchte hingegen strahlen in einem unverkennbaren, tiefen Rot aus ihren Verstecken hervor. Nur leider verlässt sie kurz nach der Reife jegliche Kraft, so daß sie vorwiegend im etwa schulterhohen Gras zu suchen sind. Gras, das ich, wenn ich eine Schlange wäre, allen andern Orten unbedingt bevorzugen würde. Aber man lernt die mögliche Gefahr zu ignorieren und geht pflichtbewußt seiner Arbeit nach, wischt sich genervt die Spinnweben aus dem Gesicht und sammelt sich nach den Grastauchgängen immer wieder geduldig die tausend kleinen Kletten von den Kleidern und Haaren. Und während über dem Damm langsam die Sonne untergeht, begreift man allmählich, daß man schon wieder weit länger, als die eigentlich ausgemachten vier bis sechs Stunden gearbeitet hat und ist dennoch dankbar, daß man an diesem Tag nicht stundenlang auf dem Traktor hat stehen müssen, um in pausenloser Hektik störrisches Gestrüpp von Erde und Erde von Süßkartoffeln zu trennen und diese dann aus dem ständig aufgewühlten Staub zu lesen und in hinter einem wartende Händen zu legen hatte, während leise die Schmerzenstränen vom ständigen Bücken unter der Sonnenbrille davonlaufen und verräterische Spuren im staubverschmierten Gesicht zurücklassen.
In den freien Stunden, die sich dennoch immer wieder dazwischen schoben, habe ich mich dem Reparieren der Farmgitarre gewidmet. Sicher bin ich um einiges robuster zu Werke gegangen, als es sich für ein so zartes Instrument gehören würde und ich sollte besser keinem Gitarrenbauer davon berichten, aber es war auch ein Instrument, an dem man nicht mehr viel kaputt machen konnte und so hab ich mich mit Säge, Superkleber und Hammer ordentlich ausgetobt und am Ende sogar wieder darauf spielen können, was ich nach der langen Entbehrungspause auch ausgiebigst genutzt habe. Soweit ich mich nach Sonnenuntergang noch dazu in der Lage sah.
 

Außer uns waren noch acht andere Helfer da. Motivierte, selbstbewußte Frauen, die es sich hier schon recht häuslich eingerichtet hatten. Als Neuling hatte man nicht ganz unerheblich zu kämpfen, um einen halbwegs angemessenen Platz in ihrer Gesellschaft zu erringen. Selten bekam man eine neue Arbeit erklärt und wenn, dann mit einem sehr deutlichen Hinweis darauf, daß man sie damit von ihrem eigenen Fleiß abhält und damit gegen das Allgemeinwohl der Gruppe arbeitet. Ich war ganz überrascht von mir selbst, wie egal mir das war, fragte fleißig weiter und fühlte mich unverschämter Weise auch noch recht bald sehr wohl an diesem Ort. Ein Blick in die Landschaft brachte mich immer wieder zur Ruhe und Gelassenheit zurück, die ich in Alice Springs kennen und lieben gelernt hatte, es gab einen kleinen See, in dem man jederzeit ein paar erfrischende Züge tun konnte und ich hatte eine Gitarre. Wenn es nach mir gegangen wäre, wären wir bis zum Ende unserer Arbeitszeit Anfang Juli geblieben. Franziska konnte ich auch überreden, daß wir es hier ohne großer Schwierigkeiten noch ein paar Tage aushalten und so entschieden wir uns den anderen Platz, zurück im Regenwald, den wir noch hätten haben können, abzusagen.
Irgendjemand allerdings schien anderer Meinung zu sein und eines schönen Montag morgens fanden wir uns dem Farmer gegenüber wieder, der uns in ruhiger, lässiger Stimme, mit der er uns für gewöhnlich fragte, ob wir gut geschlafen hätten, diesmal fragte, ob es uns was ausmachen würde, wenn wir gehen würden. Er würde so in einer Stunde in die nächstliegende Stadt fahren und könnte uns mitnehmen.
Es kostete einige geistige Präsens, nicht einfach zu antworten, danke gut, und selbst? Und einige weitere geistige Anstrengung wirklich zu kapieren, daß wir soeben auf völlig undankbare und gleichgültige Weise raus geschmissen worden waren. Soetwas hatte das ach so freundliche und lässige Australien also auch zu bieten.
Völlig unerwartet und unvorbereitet fanden wir uns keine zwei Stunden später mit zwei weiteren verzweifelten Seelen in Mareeba wieder, einem wirklich kleinen und wirklich langweiligen Ort, etwa 60 km landeinwärts von Cairns und hatten noch 51/2 Stunden Zeit, bis der Bus fuhr.
Vergeblich telefonierten wir wild in der Gegend rum, um für die nun verlorene Woche noch einen Platz zu finden. Aber was für uns nur eine unangenehme Zwischensituation war, war für die anderen beiden nahezu ein Existenzproblem. Ohne Geld waren sie auf die Farm gekommen. Auf ein zweites Visa wartend waren sie zu etwa 10 Wochen landwirtschaftlicher Arbeit verpflichtet und somit auf diesen Platz angewiesen gewesen und hatten nun nicht mal mehr Zeit bekommen, sich um einen neuen Platz zu kümmern.
Wir beschlossen leichter Hand unseren Urlaub vorzuziehen und zu sehen, ob uns auf dem Weg nach Brisbane nochmal ein wenig Arbeit über den Weg läuft, kauften uns ein Busticket und verschwanden nun endlich endgültig aus der kleinen, überfüllten und wirklich unspektakulären Stadt Cairns.
Das war ein gutes Gefühl. Wieder auf Reisen zu sein. Unabhängig und spontan am Morgen den Tag zu planen, im Bus die vertraut gewordene Landschaft an sich vorbei ziehen und sich langsam verändern zu sehen. Und während im Bus ein Film gezeigt wurde, der etwas übermütig damit beschäftigt war zu zeigen, daß Haie eigentlich ganz niedliche, liebenswerte Kuscheltiere und überhaupt gar nicht gefährlich sind, konnte ich mich gar nicht recht auf die draußen vorbeirauschende, wunderschöne Natur und die vorbeiziehenden Gewässer konzentrieren, um zu schauen, ob ich vielleicht ein kleines Krokodil vorbei schwimmen sehe.
 
Posted by Picasa

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