Wer hätte es gedacht, ich lebe noch. Schlangen, Haie und sogar Krokodile haben mich wieder einmal verschont und das, obwohl ich wie versprochen an unserem letzten Tag auf Magnetic Island noch einmal beherzt ins kühle Naß gesprungen bin, glücklich planschend sogar einige Minuten den Wellen nachgejagt bin, bevor ich mit stolz geschwellter Brust wieder an den sicheren Strand zurückgewatet bin. Aber all diese tapferen Taten konnten mir nicht einmal einen anerkennenden Blick des hübschen Rettungsschwimmers eintragen, der in sicherer Entfernung über all mein Tun wachte. Der Blick kam erst später, als ich ein wenig hilflos auf der Suche nach einer Toilette über den Strand irrte. Aus der Nähe betrachtet, dachte ich mir dann allerdings, er könne sich doch lieber mal wieder ein wenig aufs Wasser konzentrieren und seinen Job ernst nehmen.
Später am Nachmittag wurde ich noch wagemutiger. Der Rettungsschwimmer hatte längst Feierabend, als ich Taucherbrille und Schnorchel auspackte und mich damit bewaffnet noch ein zweites Mal in die Fluten stürzte. Unter mir tauchten keine, bunte Fische auf und bald auch die ersten Korallen. Hin und wieder steckte ich meinen Kopf aus dem Wasser um zu sehen, wie weit ich schon gekommen war und ob noch andere in meiner Nähe schwammen und jedes Mal wurde ich ein wenig unschlüssiger und brauchte meinen gesamten Mut, nicht auf der Stelle wieder umzukehren. Dann sah ich einen Rochen, in der Farbe des Sandes, hatte ich ihn anfangs gar nicht wahr genommen. Er war riesengroß und die spitz auslaufende Schwanzflosse noch einmal solang, wie das ganze restliche Tier. In einer aufgeregten Mischung aus Respekt und Interesse folgte ich ihm eine Weile in der sicheren Überzeugung, mich Richtung Strand zu bewegen. Irgendwann steckte ich dann aber doch mal wieder kurz den Kopf aus dem Wasser. Das hätte ich besser nicht tun sollen. Die unerwartete Ferne des Strandes warf ein sehr unangenehmes Gefühl von Einsamkeit über mich, ließ mich jeden Mut machenden Vernunftgedanken Hals über Kopf über Bord werfen und mich ohne überflüssiges Gedankengut auf den direkten Heimweg begeben.
Weniger aufregend, aber genauso schön war eine Wanderung über das Landesinnere der Insel. Der subtropische Regenwald, der hier praktischerweise auch oft trockener Regenwald genannt wird, war nicht mehr so dicht und dunkel, sondern erinnerte schon wieder viel eher an den trockenen, lichten Busch der Blue Mountains. Hohe, helle Eukalyptusbäume wechseln sich in respektvollem Abstand mit Farnbäumen und Palmen aller Art ab, die heiße Sonne, die überall problemlos ihren Weg durch das Unterholz findet, wärmt rotgraues Gestein und trockenblasse Gräser und obwohl ich aufmerksam hinter jeden Stein lugte, konnte ich keine einzige Schlange finden, auf die dann mal versehentlich hätte drauftreten können, um herauszufinden, ob sie nun die eine giftige Variante ist, oder nicht. Wenn ich mal nicht den Blick auf den Boden fixiert hatte, suchte ich mit ähnlicher Sorgfalt die unzähligen Eukalypusbäume ab, in der Hoffnung einen Koalabären ausfindig zu machen, aber auch da hatten wir keinen Erfolg. Auch dann nicht, als wir einen einheimischen Wnaderer trafen, der uns ganz enthusiastiwch den halben Weg nochmal zurück schleppte, an einen Ort, an dem er am Tag zuvor noch ganz sicher einen gesehen hatte. Den Koala fanden wir nicht, aber nachdem er, wie viele andere vor ihm auch schon, heraus gefunden hatte, daß wir weder aus Irland noch verwandt waren, erzählteer uns trotzdem ein paar Lebensgeschichten; eigene aus seiner Zeit als Pilot in China und die eines Freundes aus dessen Zeit als Pilot in Deutschland. Kurz nachdem sich auch seine mittlerweile eingetroffene Frau an zunehmend an der Unterhaltung zu beteiligen begann, wurde diese dann aber sehr aprupt von einem kennerischen Blick auf den schon reichlich tiefen Sonnenstand unterbrochen, nach welchem er uns mit wenigen, hastigen Worten verabschiedete und entschlossenen Schrittes davon eilte. Seine Frau quittierte diese Eile nur mit einem liebevollen „so ist er halt“- Lächeln, brachte das Gespräch gemütlich zum Abschluss und folgte dann gelassen dem längst aus dem Blickfeld verschwundenen Gatten.
Alos, was die Tierwelt Australiens angeht, so glaube ich langsam dieses ganze Theater um die überall lauernden Gefahren, die dann mit allen Mitteln der Kunst wieder entkräftet zu werden versucht werden, gehört einfach mit zum Marketing des ganzen Abenteuertourismus, der das ganze Land beherrscht und Jahr für Jahr erfolgreich tausende von jungen, abenteuerlustigen Touristen nach Australien lockt. In Wirklichkeit sind diese ganzen Gefahren sicher alle schon längst ausgestorben (vielleicht bis auf ein paar Vorzeigemodelle in den Zoos) und die Tierwelt wird schon längst nur noch von Kaninchen und Possums beherrscht. Das würde dann auch erklären, warum die Australier selbst so gelassen in jedes Meer hüpfen, das sie finden können, furchtlos mitten im Outback campen und und uns angsterfüllte, übervorsichtige Fremde nur halb mitleidig, halb belustigt belächeln. Und damit wir nicht übermütig werden und ihnen auf die Schliche kommen, erfinden sie alle Jahre mal wieder eine kleine Horrorgeschichte über irgendeinen übermütigen Touristen, der irgendwo im Wald verschollen ist und von dem man dann erst Jahre später ein paar Überreste gefunden hat, oder der an einer unmögliche Stelle schwimmen gegangen ist, wo doch jedes Kind weiß, daß es dort Haie gibt, aber der eben nicht auf die Ansässigen hat hören wollen und nun eben verschwunden ist. Naja, selbst Schuld eben. Ist doch klar. Und so halten sie uns auf Trab, die Australier und das mit Erfolg! Auch ich überlege schon jetzt wieder, wann ich es mir frühestens wieder werde leisten können hierher zu kommen, denn langsam aber sicher geht unsere Zeit hier zu Ende. Mit jeder Busfahrt wird es kälter und wir kommen dem winterlichen Brisbane näher. Nach Magnetic Island verbrachten wir noch zwei faule Tage im langweiligen Mackay, schliefen viel, kurierten die Erkältungsreste aus, frequentierten stundenlang und täglich McDonalds, weil es da kostenloses Drahtlosinternet gibt
und kamen nach einer verdammt kurzen Nacht in Rockhampton, nach der ich mich problemlos erfolgreich als Reiseroutenplanerin für Australien in jedem deutschen Reisebüro bewerben kann (was bei dem oben beschriebenen überaus erfolgreichen Tourismusmarketing durchaus eine Überlegung wert wäre) in Hervey Bay an, von wo aus unsere Tour auf das viel gelobte Fraser Island startete.
Samstag, 11. Juli 2009
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