Montag, 22. Juni 2009

Sanctuary Retreat- die heilige Langeweile

Die 10 Tage auf der Bananenfarm vergingen entspannt, gemütlich, erfüllt von leichter, abwechlungsreicher Arbeit an den Vormittagen und endlosen Lesenachmittagen in der Sonne. Die gemütliche und liebenswürdige Gelassenheit der Familie, die uns beherbergte war in höchstem Grade ansteckend und es dauerte nicht lange, bis wir uns in diesem Haus rundum wohlfühlten. Das mag jetzt auf den einen oder anderen eher unspektatulär klingen, aber die Einfachheit der Architektur setzt derlei nicht unbedingt voraus. Wände gab es nur zwischen den Schlafräumen, die Küche ging offen von Garten, Werkstatt und Garage ins Wohnzimmer über und zum Hinterausgang wieder raus. Das hatte aber natürlich den nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß man zum Beispiel mit dem Fahrrad durch die gesamte Wohnung fahren konnte. Auch die Frösche hatten auf diese Weise einen gute Gelegenheit ihre Runden zu drehen und sind uns in den ersten Tagen, als es noch feuchter war, im Küchengartengaragenwohnzimmer fleißig um die Füße gehüpft. Auf unsere Frage, ob sie giftig seien, bekamen wir nur eine gelangweilte Antwort, ja, aber nur, wenn man sie ärgert. Dann sprühen sie irgendwo von hinter den Ohren eine weiße Flüssigkeit raus und die sei giftig. Man solle sie also lieber nicht anfassen, aber sonst sind sie ganz harmlos und tun nix. Das hat uns dann doch ungemein beruhigt, vor allem später, als wir eines dieser niedlichen Exemplare in unserem Schlafzimmer wiederfanden.
Aber all das wurde unwesentlich, je mehr uns diese liebenswürdigen Menschen ans Herz wuchsen, mit ihrer rauen, scherzhaften und ehrlichen Freundlichkeit.
Alle sechs Kinder leben noch zu Hause, die älteren, bereits im Beruf fahren jeden Tag (jeder mit einer eigenen, alten Klapperkiste) lange Wege zu ihrer Arbeit, während die Jüngeren von zu Hause aus zur Schule „gehen“. Die Mutter kümmert sich anhand von Lehrbüchern und DVD's um die Ausbildung ihres Nachwuchses. Der wöchentliche Klavierunterricht findet übers Telefon statt. Auf Franziskas Frage, wie der Lehrer denn übers Telefon sehen könne, ob der Schüler richtig spielt, meinte ich, naja, der kann das hören, was mir ein bemitleidenswertes Nicken des Kindes einbrachte.

So ist es nicht weiter verwunderlich, daß uns der Abschied schwer fiel, denn nun waren unsere Erwartungen für den nächsten Ort hoch gesteckt. Mit gemischten Stimmungen zwischen Trauer über den Abschied, Spannung, Vorfreude und auch etwas Skepsis auf den nächsten Ortsaßen wirnach 10 Tagen wieder in Großvaters klapprigem, rostigen Volvo, der uns direkt zu unserer nächsten Heimat fuhr.

Aus dem Lonely Planet haben wir erfahren, was uns das Buch mit den Adressen und Beschreibungen der WWOOFing Plätze nicht verraten hatte: Uns erwartete ein gehobenes Hotel mitten im Regenwald mit kleinen Hütten zwischen die riesigen und vor allem zahlreichen Bäume gesät, manche mit festen Wänden und Meerblick zu etwa 60-80 €, andere mit grünen Stoffwänden, die nicht viel mehr als die unzähligen Insekten abzuhalten versuchten, um die 20 € pro Person und Nacht. Dazu ein Restaurant mit exklusiver Küche und einem etwa 20 minütigem Spaziergang durch den Wald vom Parkplatz aus zur Rezeption.
Genau diesen schleppten wir uns nun also mühselig hinauf. Die Sonne schien zwischen den Palmenblättern hindurch, der kleine Bach glitzerte, die Vögel zwitscherten munter und wir schwitzten uns den schmalen, schlammigen Pfad mit ca.18 kg Gepäck auf dem Rücken und Flipflops an den Füßen hinauf, während uns der Schweiß gemütlich und sichtlich entspannter als wir den Rücken hinunter lief.
Nach lockeren 30 Minuten standen wir schwer atmend vor Hazel, einer fröhlichen Engländerin, die irgendwann einmal genauso wie wir hier ankam und seither nicht mehr wirklich weggekommen ist. Sie hieß uns im Sanctuary Retreat- dem Ort des heiligen Rückzuges willkommen. Im Hintergrund lief sanfte Enspannungsmusik, über die Terasse hin konnte man in der Ferne das Meer sehen, alles gab sich aufrichtige Mühe lässig, enspannt und ein wenig esoterisch zu wirken und das nicht ohne Erfolg. Ich war ehrlich beeindruckt.
Wir bekamen eine der günstigeren Hütten als Bleibe für die Zeit unseres Besuches. Dummerweise war diese etwa hundert Meter von den Toiletten entfernt. Nun sagt Ihr wahrscheinlich, also bitte, das ist ja wohl gar nichts. Na ja, die Steigung des Weges lag bei etwa 60° und ich habe es mir immer zweimal überlegt, bis ich mich auf den Weg machte und ihn deshalb des Öfteren rennen mußte. Das jedoch hätte ich mir besser noch früher überlegen sollen, denn im Grunde ist das gar nicht möglich.
Die Arbeit war unterschiedlich. Die Hauptaktivitäten woben sich jedoch bald als wiederkehrendes Muster heraus und hielten uns mit ihrer Komplexität schwer beschäftigt. Das erste war das Wegefegen. Bei Regen, Sonne, Wind und Regen (Schnee kennen die hier nicht), bei jedem Wetter fand ich mich mit einem Besen in den Händen wieder und fegte. Fegte in meditativer Schwerstarbeit jeden Morgen den Boden des Restaurants, das eigentlich einen Wischmopp viel dringender gebraucht hätte, fegte Blätter von den Pfaden zwischen den Hütten zum Haupthaus, fegte sogar den Dreck von den grünen Hüttenwänden. Die Schwerstarbeit daran war, dem ganzen auch nur irgendeinen noch so geringen Sinn zuzuschreiben, was mich davor hätte schützen können, die gesamte Zeit und Energie damit zu verschwenden, kleine Flüche gegen den etwas kühlen Besitzer und Hausherren zu abzuschicken, dem ich diese wunderbare Meditationsarbeit zu verdanken hatte.
Das zweite war das spülen. Immerhin hatten wir es hier mit einer Restaurantküche zu tun. Und was kann man da besseres tun, als spülen? Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell sich das Geschirr selbst wieder beschmutzt und sich zu Türmen stapelt. Stundenlanger Fokus auf die Spülbürste. Da bleibt kein Raum, irgendwelche Flüche im Kopf zu formulieren. Ja überhaupt gerät das Formulieren in einen völlig neuen Grenzbereich. Vereinzelte, immer wiederkehrende Worte fegen vorbei: Teller, Glas, Schüssel, Teller, Messer, Topf, Achtung heiß! Spülbürste, aua, das ist ja heiß! Kratzschwamm, Kratzschwamm, wo ist... ach egal, Teller, Gabel, Schüssel, iiihh, wie soll ich denn das... schneller!Frisches Wasser, Glas...
Und des Nachts die Geräusche aus dem Dschungel. Warum nur, sind hier die meisten Vögel nachtaktiv. Die nächtlichen Konzerte, untermalt von dem gleichmäßigen Bordun der Grillen, hielten mich oft bis in die Morgenstunden hinein wach.
So vergingen unsere Tage.
In den wenigen gemeinsamen freien Stunden, die wir nicht verschliefen, schlenderten wir träge bis zum Strand. Viel weiter kamen wir nicht. Sei es aus Gründen der sich rasch ausbreitenden Langeweile, die uns träge und müde nirgendwohin mehr zog, sei es die Nachricht, daß die Schlangen sich gerade in diesen Wochen noch einmal auf die Pirsch begeben, um sich für den baldigen Winterschlaf nochmal so richtig die Bäuche vollzuschlagen, sei es die traurige Feststellung, daß dieses noble Hotel, mühsam um eine angenehm, lockere, heimelige Atmosphäre bemüht, es nie schaffte wirkliche warme Herzlichkeit aufkommen zu lassen, oder sei es schlicht und einfach der ewig gleiche Wald mit dem ewig gleichen Regen.
Wir waren jedenfalls froh, als wir diesen heiligen Ort der Langeweile endlich wieder verlassen durften.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen