Dienstag, 21. April 2009

Die Südinsel

Die Tage verfliegen. Manche sind so wunderschön, so vielseitig, so vollgepackt mit den seltensten und wärmsten Begegnungen, mit tollem Wetter, das einen die Landschaft noch mehr genießen läßt, als man auch so schon unentwegt vor Begeisterung nicht weiß, wohin man schauen soll. Andere bringen ebenfalls gänzlich neue Erfahrungen, aber völlig anderer Natur...
Die Malborough Sounds sind ein Landschaftsstrich an der Nordküste der Südhalbinsel. Dort haben wir uns drei Tage Zeit genommen, die sanftgrünen Hügel dabei zu beobachten, wie sie direkt ins klare, bereits kalte Meer fließen. An manchen Orten komme ich mir vor, als wäre ich der erste Mensch auf einer neuentdeckten Südseeinsel, wenn uns das Wassertaxi direkt an den Startpunkt des Queen Charlotte Tracks fährt. Überall sprießen die Farnbäume, die Quellen sprudeln munter den Berg hinunter, am Strand plätschern die Wellen über den graugelben Sand und es ist so warm und feucht, als wäre Regenzeit. Auf dem gut ausgebauten Track kann man dann, ganz wie die Entdecker Neuseelands unter James Cook im Jahre 1759, oder etwa 400 Jahre zuvor unter einem forschen, entschlossenen Maori das Landesinnere erkunden und immer wieder und wieder die gut freigeräumte Aussicht auf das in der Sonne glitzernde Meer, oder auf der anderen Seite über Felder und unendliche, grüne Bergketten, die verdächtig an den Schwarzwald erinnern, blicken und seinen mitgebrachten Kartoffelsalat genießen. Eine Nacht gelang es uns trotz Osterzeit ein winziges Hostel auf dem Weg zu finden, das uns freundlich aufnahm. Die Besitzerin war eine herzliche Dame im stolzen Alter von 78 Jahren, die im Frühling bis Herbst die vier Betten vermietet, ihre Gäste mit den leckersten Scones der Welt verwöhnt (ich habe ihr das Rezept entlocken können, jetzt muß ich nur noch 51 jahre lang backen üben, damit sie auch wirklich genauso lecker werden!) und von dem so ihrer Rente zuverdienten Geld in den hiesigen Wintermonaten, also zwischen Juni und August durch Europa, oder Lateinamerika, oder Asien, oder ganzwoandershin zu reisen. Und das alles trotz ihres Astmas und nicht ganz unbeeindruckenden Alters im absoluten Backpackerstil. Sie hat damit vor 11 Jahren begonnen und ist mittlerweile in 44 Ländern gewesen. Ihr Leitspruch: „You're never too old to travel!“
Nach den wunderschönen, ruhigen Tagen ging es weiter nach Nelson. Ein Tag, eine Fahrt, 3 Stunden im Kiwi Experience Bus und wir hatten schon wieder mehr als genug! Der Busfahrer (ein neuer, leider) erzählte von den zahlreichen Autounfällen, in die er schon verwickelt gewesen war und auch von seinen Erfahrungen auf seinen eigenen Reisen, damals, durch Europa, genauergasagt durch Holland, genauergesagt durch Amsterdam, genauergesagt durch das dortige Rotlichtviertel. Erzählt so herablassend, so bösartig grinsend, so anwidernd und dennoch wohl genau in dem Stil, den die vier jungen Mädchen, die in gleichen Schuhen und gleicher Gesichtsbemalung die erste Reihe blockierten, unheimlich toll und anziehend finden mußten, danach zu urteilen, wie sie immer perfekt synchron ihre Köpfe im Auflachen zurückwarfen, sich neugierig wieder nach vorn beugten und im Chor „Oh!“, „Ah!“ und „Really???“ ausriefen.
Zum Glück hatten wir uns nocheinmal drei Tage für Nelson und den Abel Tasman National Park vorgenommen, so daß wir den Bus aufatmend nach den wenigen Stunden wieder verlassen durften.
Nach langem hin und her Überlegen, wie wir diese Zeit am schönsten und unseren knappen, finanziellen Mitteln angemessen gestalten könnten, entschlossen wir uns gegen die Kanu- und Wandertour mit Bootcruise der ganzen National Park Küste entlang, aber für ein Auto, das uns in den Tagen an die schönsten Orte der äußersten Nordwestspitze bringen sollte. Beim Abbuchen der Automiete lernte ich dann die englische Vokabel „denied“ kennen, so daß das Auto für die kommenden zwei Tage auch unser Hostel ersetzen mußte, damit wir überhaupt noch für das nötige Benzin würden zahlen können. Nun denn, also eine Nacht auf einem kleinen Parkplatz am „Golden Bay“, mit einem kleinen abendlichen Feuers am Strand., eine zweite bei den suabersten Trinkwasserquellen der Welt mit einem frühmorgendlichen Spaziergang durch den angelegten Park , durchzogen von dem fernen Flötenspiel des „duckrangers“, der uns anschließend noch ein paar Wandertips für den Tag mitgab...es gibt in der Tat Schlimmeres!
Zum Beispiel nach diesen weiteren faszinierend, schönen Tagen wieder in einen solchen Bus steigen zu müssen...
Der Busfahrer sah besser aus, nicht wirklich fröhlicher, aber vielleicht wenigstens ruhiger, als der zweite, aber ach... ich fürchte er fährt einfach schon zu lang für diese Gesellschaft. Er war ständig damit beschäftigt sich irgendwelche dummen Witze aus den Fingern zu saugen, die nur allzuoft auf die Kosten einiger Mitreisenden gingen und nebenbei einfach überhaupt nicht lustig waren. Warum? Hätte er einfach den Mund gehalten wären alle glücklicher gewesen, aber er war einfach zu sehr darum bemüht die Stimmung aufzuheitern und gleichzeitig die angeblich weithin bekannte Lässigkeit der Westküste zu demonstrieren. So landeten wir am Samstag Nachmittag in dem verlassenen Örtchen Westport, was immerhin die zweitgrößte Stadt der Küstenregion sein sollte. Aber an einem Samstag Nachmittag waren die meisten Geschäfte bereits geschlossen, die Straßen lagen breit und einsam da, die Häuser fielen langsam vor sich hinrostend in sich zusammen, nur das nahe Kohlewerk dampfte lebendig und gierig inder müde untergehenden Sonne. Für den folgenden Abend war eine Mottoparty geplant, in dem einzigen Hostel weit und breit, in dem alle übernachten sollten. Wir fragten vorsichtig an, ob es noch eine andere Übernachtungsmöglichkeit in der Umgebung gäbe, da er uns aber erklärte, daß das nicht wirklich gut möglich sei, fügten wir uns ergeben. Am Morgen aber sagte uns der Busfahrer, da er nicht gewußt hätte, wofür wir uns nun entschieden hätten (denn dafür hätte man ja mal die Liste durchzählen müssen, auf die wir uns, wie alle anderen geschrieben hatten) hätte er das für uns getan und uns in ein Hostel in den nächsten Ort eingebucht. Nagut, ich mag es zwar nicht, daß Menschen für mich entscheiden, wenn ich mich eigentlich bereits selbst entschieden habe, aber da er es scheinbar nur gut gemeint hat, ließen wir es geschehen. Dann gab es aber am Nachmittag und am folgenden Morgen noch weitere Unklarheiten, weil er es einfach nicht geschafft hat, uns klar zu sagen, was wie läuft, nämlich von wem und vor allem wann wir am nächsten Morgen abgeholt werden sollten. Als wir das alles dank der netten Dame an der Rezeption halbwegs herausgefunden hatten und am Morgen 45 min in der morgendlichen Kälte gewartet hatten, waren wir beide ein wenig verärgert und haben ihn darauf angesprochen. Das wiederum hat er überhaupt nicht verstanden, denn er hatte geglaubt uns einen Gefallen getan zu haben und versuchte daraufhin uns wie dumme Kinder aufzuklären, daß wir ihm gefälligst dankbar sein sollten, wenn wir schon zu dumm sind, seine Sprache richtig zu verstehen. Daß es nicht die englische Sprache, sondern seine ungenaue Wortwahl war, die uns verstimmt hat, wies er mit dem schlagenden Argument zurück, daß man hier an der Westküste einfach ein wenig cooler drauf sei und wir uns doch endlich daran gewöhnen sollten, daß wir in Neuseeland und nicht mehr in Deutschland seien und daß unsere Reaktion eine Beleidigung seiner Kultur sei. Ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit bin ich dann doch mal ein wenig ausgerastet und bald darauf war er nur noch darum bemüht, die Situation so schnell wie möglich hinter sich zu bekommen. Fast ein bißchen schade, ich war doch gerade erst so schön in Schwung gekommen. Seither haben wir glücklicherweise nichts mehr mit ihm besprechen müssen, aber es dauert schon so eine Weile, bis man wieder entspannt genug ist, alles so richtig genießen zu können.
Aber heute (Dienstag, 21.4.) war definitiv ein Tag, an dem sich alle Sorgen vergessen lassen.
Bei klarblauem Himmel und aufgehender Sonne begann unsere Tour, gemeinsam mit den ersten Sonnenstrahlen erreichten wir den den Foxgletscher. Riesige Eismassen, die sich zwischen dem Regenwald auftürmen. Mit Krampen an die Schuhe geschnürt, ging es dann an die sechs Stunden übers Eis. Eine tolle Erfahrung. Das ruft nach Wiederholung!
Jetzt aber fallen mir die Äuglein zu, denn ein bißchen anstrengend wars schon auch!

1 Kommentar:

  1. Liebe Claudia!
    Sehr schön alles was du erlebst mitlesen zu können! Du schreibst super!!
    Viele liebe Frühlingsgrüße aus Freiburg!
    Doesjka

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