Sonntag, 31. Mai 2009

Alice Springs und das Outback

Der Flug war faszinierend schön.
Wir erhoben uns in den frühen Morgen einer schnell an grün verlierenden Hügellandschaft. Langsam, aber beständig wurde Grün zu Braun und Braun zu Rot. Die Wüste Zentralausrtraliens lag uns zu Füßen. Mitten aus diesem trockenen Rot tauchte auf einmal ein riesiger Salzsee auf, der zum großen Teil mit Wasser gefüllt war. Dies komme nur etwa alle 20 Jahre vor, sagte uns die Stewardess, nachdem sie alle Passagiere darauf aufmerksam gemacht hatte und das Flugzeug bedenklich Schräglage eingenommen hatte, weil alle auf der einen Seite zum Fenster rausschauen wollten. Je näher wir unserem Reiseziel kamen, desto mehr kleine, grüne Punkte mischten sich großflächig in das Rot. Die kleinen, einzeln stehende Bäume, oder Büsche, durchzogen von wenigen, aber endlos langen, geraden Straßen, ergaben ein Bild aus der Luft, das sehr den Bildern ähnelte, die wir in den Großstädten als Gegenwartskunst der Aboriginals kennengelernt hatten. Tatsächlich erfuhren wir später, daß die Aboriginals nicht immer so gemalt hatten, sondern erst seit Beginn der 70er Jahre. Die Symbole und Motive gab es schon seit Urzeiten, auf Stein, oder einfach in den Sand gemalt, aber das Ausfüllen der Freiräume mit unzähligen, geduldig mit einem dünnen Holzstab aufgedrückten Punkte, und überhaupt das Festhalten der auf diesem Weg erzählten Geschichten, kam erst in den 70er Jahren auf.
Alice Springs empfing uns mit einem angenehmen, trocken- warmen Klima und unzähligen Fliegen (vielleicht sollen ja auch das die vielen Punkte auf den Bildern symbolisieren), die sich überall festsetzen, einen umschwirren und genau zu wissen scheinen, wo sie am meisten stören, um sich dann in geballter Ladung und mit ungeahnter Präzisionsfähigkeit genau darauf zu stürzen, nicht ohne vorher nicht noch die ganze weitläufige Verwandtschaft mit zur Party eingeladen zu haben. Wild, aber so dezent wie möglich um uns wedelnd, flüchteten wir uns ins nahe Flughafengebäude und waren froh, daß der Abholservice zum Hostel schon bereitstand.
Wir waren im Herzen Australiens angekommen.
Eine andere Welt.
Eine zeitlose Welt.
Eine Welt, anders als alles, was ich bisher gesehen habe.
Eine Welt des endlosen Sonnenscheins. Zumindest außerhalb der Regenzeit.
Munter schwatzend brachte uns der Fahrer zu unserem Hostel und ohne es zu merken, hatten wir bereits die erste Stunde in Kulturgeschichte der Aboriginals hinter uns.
Das Hostel lag ruhig und scheinbar leer da, aber bald merkten wir, daß es eigentlich voll war. In jeder Ecke saß, oder lag jemand im Schatten und las, träumte, oder schlief. Es dauerte eine Weile, bis jemand kam, um uns einzuchecken und eine halbe Stunde später saßen wir schon genauso in irgendeiner schattigen Ecke und lasen, oder schliefen. Als es gegen Abend kühler wurde und die Fliegen sich langsam verkrochen, wagten wir uns, vom Hunger angetrieben, über ein ausgetrocknetes Flußbett, durch leere, staubige Straßen in die Innenstadt. Fast die Hälfte der Menschen hier war dunkelhäutig. Ihre Gesichter knollig, die Nase groß und rund, die Augenbrauen hervorstehend, das Kinn wirkte wie hochgeschoben. Die Kleider waren bunt und dreckig. Obwohl sie mittendrin gingen und standen, schienen sie doch von einer ganz anderen Welt und auf dem Rückweg sahen wir viele in Gruppen im trockenen Flußbett um ihre Feuer sitzen. So ganz lassen sie sich von der Zivilisation wohl doch noch nicht einfangen.
Am nächsten Morgen wurden wir um sechs Uhr von zwei freundlichen Guides aus der sternklaren, kalten Dunkelheit zu unserer viertägigen Outbacktour abgeholt.
Ganz anders, als bei Kiwiexperience in NZ, waren hier statt 50 20jährigen, 20 50jährige...
Nein! Unsere Gruppe bestand aus gerade mal 12 Leuten (Guides inklusive), die vertretenen Länder beschränkten sich auf Australien, Frankreich und Deutschland. Das Alter war gut gemischt, zwischen 18-32 und nachdem ich mich an den unverkennbaren schwäbischen Dialekt eines Paares aus Böblingen gewöhnt hatte, musste ich feststellen, daß eigentlich alle ausnahmslos sympatisch waren. Den einen oder anderen vermisse ich zwar schon lang nicht mehr, aber so manchen hätte ich gern noch besser kennengelernt.
Der erste Tag stand unter dem Zeichen stundenlangen Fahrens. Vorwiegend geradeaus! Roter Sand durchzogen von schmächtigen grünen Büschen und mächtigen silbergrünen Eukalyptusbäumen, flog an beiden Seiten vorüber. Hier und da ragte ein roter Hügel aus dem roten Sand. Ich starrte stundenlang aus dem Fenster und konnte mich nicht sattsehen an der so fremdartigen und doch so warmen, freundlichen Eintönigkeit.
Am Nachmittag erreichten wir Kata Tjuta („the Olgas“ nannten sie die Engländer, nach irgendeiner wichtigen Königin zur Zeit der Entdeckung durch die Engländer) Seltsame riesige, runde Steinformationen standen mitten auf der Ebene. Natürlich aus rotem Sandstein und durchzogen von leuchtendgrünen Büschen und Bäumen. Ich glaube, ich habe alle zwei Schritte ein Foto gemachtund bei jedem Fotostop 372 Fliegen von der Linse verscheucht. Zumindest hatte ich dieses Gefühl, als ich im Nachhinein die Bilder angeschaut hatte. Alles sehr ähnlich. Als ich mittendrin stand hatte ich nach jedem Schritt das Gefühl, alles sehe schon wieder komplett neu und anders aus. So gesehen hab ich mich also richtig zurückgehalten.
Am Abend gab es dann den Sonnenuntergang mit Blick auf den Uluru (Ayers Rock) und einem Gläschen Wein. Außer uns waren an diesem Parkplatz nur noch etwa 10 weiter Busse, 3 Autos und 35789 Fliegen zugegen. Alle schienen hier einregelrechtes Abendgelage vorbereitet zu haben mit Grill, Bier, Wein und diversen Salaten. Wirklich ein sehr idyllisches Plätzchen. Aber da Franziska ja nicht so der Weinliebhaber ist, hatte ich am Ende doppelt so viel getrunken wie jeder andere und damit bereits am ersten Abend meinen Ruf ruiniert und den Platz der tipsy, cheeky lady für die restliche Tour gesichert.
Ein Abend am Feuer und eine kalte Nacht unter atemberaubendem Sternenhimmel.
Schon für diesen ersten Tag hatte sich die Tour gelohnt.
Unser Rhythmus passte sich allmählich dem Sonnenlauf an und so wurden wir auch am folgenden Tag um 5.30 Uhr geweckt, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang wieder am Uluru zu sein. Halbträumend noch schaute ich ins frühe Morgendunkel des noch schlafenden Tages und zählte Sternschnuppen. All meine guten Wünsche wandten sich natürlich ausschließlich an Franziska, denn es war ihr Geburtstag, der da so langsam zu erwachen begann. Im schlaftrunkenen Halbdunkel suchten wir unsere Müslischüsseln und mischten irgendetwas zusammen, was einigermaßen auch nach dem schmeckte, was es darstellen sollte, auch wenn wir es noch nicht wirklich erkennen konnten und selbst unsere Geschmacksknospen schienen noch zu schlummern.
Bald darauf fuhren wir dem immer heller werdenden Himmel entgegen, um kurz vor Sonnenaufgang direkt am Fuße des legendären, weltberühmten Steines anzukommen.
Wir verzichteten auf einen weiteren Parkplatzmassenauflauf und begannen den Tag mit der Uluruumrundung. Somit waren wir dem großen, roten Leuchten näher, als alle anderen und konnten faszinierend beobachten, wie auf das müde Rotgrau des frühen Morgens, langsam ein strahlendes Rotorange folgte, das bald den gesamten Felsen einschloß, bis es im Laufe des zweistündigen Spaziergangs wieder dunkler wurde und die typische rotbraune Farbe des Tages annahm.
Im Anschluß dazu bekamen wir unsere zweite Informationsstunde zum Thema Aboriginal Life. Ihre Geschichten wurden immer nur mündlich und meist singend weitergegeben. Die Zeichnungen in den Sand waren nur zur Unterstützung, das Lied allein reichte aus, um wichtige Informationen weiterzugeben. So zum Beispiel, wie Wasserlöcher zu finden waren, die man, wenn man die entsprechenden Lieder kennt, singend finden konnte. Auch die Herkunft und die Gründe ihrer Reisen wurde auf diese Art und Weise weitergegeben. Auch dürfen immer nur die Teile der Geschichten erzählt werden, die sich in dem Gebiet abgespielt haben, in dem man sich gerade befindet und immer enthalten sie neben der Erklärung ihrer Herkunft wichtige Lebensregeln mit eindeutiger Moral, ganz ähnlich unserer Märchen der Gebrüder Grimm.
Hin und wieder fanden wir auch Zeichnungen auf Stein. Das so lernten wir, sei nicht als Kunstwerk anzusehen, sondern eher eine Art historische Kühlschranknotiz, damit die Männer, wenn sie von ihrer oft tagelangen Jagd heimkamen und ihre Frauen sich in der Zwischenzeit still und heimlich davon gemacht hatten, um dem Wasser zu folgen, zumindest wußten, wohin sie gehen mußten, wenn sie sie denn wiedertreffen wollten. Oder, die andere Bedeutung der Felsbemalung war die der historischen Schultafel, denn wann immer die Alten den Jungen ihr wichtiges Wissen weitergaben, nahmen sie sich, ganz wie wir heute, farbiges Steinpulver- Wasser- Gemisch und ihre Finger zu Hilfe.
Am Nachmittag hieß es wieder fahren, die unzähligen Kilometer auf gerader Straße zum Kings Canyon hinter uns zu bringen. Draußen änderte sich die Landschaft. Die Bäume wurden höher und dichter, blassgelbes Gras kam zum Vorschein und in der Ferne tauchten tatsächlich so etwas wie Berge auf, während allmählich die Sonne unterging. Die zweite Nacht in den Swags unter freiem Sternenhimmel und nah am wärmenden Feuer war noch schöner, als die erste, auch wenn wir gewarnt wurden unsere Sachen in Sicherheit zu bringen, da die Dingos nachts fleißig alles mitnehmen, was nicht niet und nagelfest ist.
Auch am dritten Tag hieß es natürlich: Früh raus, um den Sonnenaufgang nicht zu verpassen. Das Aufstehen fiel langsam nicht mehr ganz so schwer, aber das Müsli war deshalb im Dunkeln noch immer nicht leichter zu finden und mit dem ersten Silberstrahl am Horizont saßen wir wieder im Auto und fuhren dem Kings Canyon endgültig entgegen. Die Wanderung durch diese wieder ganz anders formatierten, aber genauso roten Felsen, die aufgehende Sonne durch das lang gezogene Tal, die versteckten Wasserstellen, die das Rot der Umgebung widerspiegelten, die unzähligen Spitzen des australischen Humors, die seit dem ersten Abend kein Ende mehr zu nehmen schienen und die gelassene Ruhe, die über all dem lag, ein Ort, an dem alle Sorgen der Welt unbedeutend und klein erscheinen. So klein, daß man nicht einmal im entferntesten daran denkt, in irgendeiner Weise auch nur daran zu denken. Das Denken überhaupt wird so denkbar undenkbar angesichts dieser unerdenklichen, natürlichen Schönheit und dem zeitlosem Lebensgefühl. Und während sich die Landschaft von Neuem änderte, immer grüner und hügeliger wurde, ging in friedlich warmer, gelassen witziger Stimmung auch dieser Tag zu Ende und bald erhob sich, nach einer letzten sternenklaren Nacht ein neuer Sonnenaufgang über unserem letzten Morgen im Outback. Der letzte Tag verging im immer wieder auftauchenden Kampf gegen die unvermeidliche Einsicht, daß dieses wunderschöne und einmalig besondere Erlebnis vorüber gehen wird und ich nichts daran ändern kann. Und die Dauer des Schreibens dieses Berichtes ist der beste Beweis dafür, wie oft und gern und endlos gedankenverloren ich immer wieder an diesen Ort, an diese Tage rotwarmer Magie zurückkehre, mich dorthin zurück sehne und ohne Zögern alle Fliegen der Welt in Kauf nehmen würde, um nur wieder dort sein zu dürfen.

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